Terra Memoria REVIEW
Das am 27. März 2024 veröffentlichte Terra Memoria ist nach „Old School Musical“ bereits das zweite Spiel des französischen Indie-Entwicklers La Moutarde. Dieses mal schöpfte man ein JRPG, welches bewusst auf Einsteiger und Gelegenheitsspieler abzielt, um eben diese für dieses doch recht komplexe und anspruchsvolle Genre zu begeistern. Ob das Spiel diesem Ziel gerecht wird, und was es sonst noch alles zu bieten hat, erfahrt ihr im folgendem Review.
Die Gefahren übertriebener Beständigkeit

Das Spiel versetzt uns in die Fantasy-Welt Terra, welche sowohl von regulären Menschen als auch von anthropomorphen Tiermenschen bevölkert wird. Die Einwohner dieser Welt folgen einer fast schon religiösen Lebensweise, welche sie als „die Konstanz“ bezeichnen. Im Grunde genommen besagt die Konstanz, dass alles so ist wie es sein soll. Veränderungen und Neuerungen werden als unerwünscht und nicht erstrebenswert betrachtet. Und da auf Terra Frieden und Wohlstand herrscht kann man diese kurzsichtige Lebensweise ja auch ein Stück weit nachvollziehen. Jedoch hat man diese Lebensweise einfach übertrieben. So werden z.B. Bücher von den meisten Einwohnern als nutzlos betrachtet und Bibliotheken gleich mal als Müllhalden bezeichnet. Magie wird als überflüssige Spielerei betrachtet, und das Interesse an Dingen wie Geschichte und Vergangenheit liegt nahezu bei Null. All dies bedeutet, dass über die Jahre hinweg unglaublich viel Wissen verlorengegangen ist. Obendrein sind die bequemen Einwohner von Terra abhängig von Elektrizität, welche durch die Verwertung spezieller Kristalle erzeugt wird. Besagte Kristalle wachsen an der Oberfläche nahe der Minenstadt Tchalko und können daher leicht abgeerntet werden.
Doch mit dem bequemen Leben ist es nun bald vorbei. Die letzten Kristalllieferungen blieben aus, weswegen Terras Hauptstadt Konstantis nun Energiesparmaßnahmen ergreifen muss. Diese verärgern Konstantis‘ Einwohner zunehmend und provozieren Abwanderungen. Das größere Problem kommt jedoch in Form der sogenannten „Kadaver.“ Hierbei handelt es sich um antike Roboter, welcher bis dato scheinbar defekt in der Gegend herumlagen (daher die Bezeichnung Kadaver). Doch nun sind die Kadaver-Robos erwacht und veranstalten ein Gemetzel unter der verweichlichten Bevölkerung Terras. Nur die Magier-Gilde weiß sich gegen die durchgedrehten Maschinen zur Wehr zu setzen. Und so übernehmen wir zu Spielbeginn die Rolle des kürzlich ausgelernten Magiers Moshang. Dieser stellt eine Besonderheit dar, da er der Spezies der Mercki angehört. Diese sind anthropomorphe Rhinos, welche zwar groß und stark sind, jedoch eigentlich keine Magie beherrschen. Jedenfalls gelingt es Moshang die blöden Vorurteile zu widerlegen und den aktuellen Kadaver-Angriff zurückzuschlagen.
Als nächstes lernen wir die ebenfalls vor kurzem ausgelernte Beschwörerin Syl kennen. Nach erfolgreichem Abschluss der jahrelangen Lehre kehrt sie nach Konstantis heim, um zu ihren Eltern zurückzukehren. Dummerweise sind diese zwischenzeitlich ausgewandert. Obendrein verliert Syl nach einem Kampf gegen die Kadaver den Kontakt zu ihrer Beschwörung Nanni, bei der es sich auch um den Geist ihrer verstorbenen Großmutter handelt. Der unerwartete Verlust ihrer Familie löst bei Syl Verzweiflung aus. Auf der Suche nach Hilfe stößt sie auf Moshang und den Barden Alto, welche sich ihrer Sache anschließen. Durch ihre Detektivarbeit geraten die Drei an den inkompetenten Bürgermeister von Konstantis, welcher das Trio damit beauftragt nach Tchalko zu reisen, um die Kristallknappheit zu untersuchen. Während ihrer Ermittlungsreise stoßen weitere Gefährten in Form des Erfinders Edson, der Schmiedin Opal und der mysteriösen Gestaltwandlerin Meta hinzu. Können die sechs ungleichen Gefährten die oben geschilderten Problemstellungen lösen? Welche Geheimnisse Terras sind durch das törichte Verhalten der Einwohner verloren gegangen?
Das was die Handlung von Terra Memoria von anderen JRPGs unterscheidet ist die Bodenständigkeit. Hier geht es nämlich keineswegs darum als Auserwählter die Welt zu retten, hier werden einfach kleinere Brötchen gebacken, was überaus erfrischend ist. Die Probleme bleiben stets greifbar und die Protagonisten wirken sympathisch und liebenswert. Als Gelungen empfinde ich auch das Konzept der Konstanz. Diese kurzsichtige Lehre und Weltanschauung hatte einen massiven Effekt auf diese Welt, was einem das Gefühl gibt tatsächlich in eine völlig fremde Kultur einzutauchen, in der man sich erst einmal orientieren muss. Dies ist etwas, was nur wenige JRPGs trotz ihrer schrillen Charaktere und abgedrehten Ortschaften hinbekommen. Der Haken an der Sache ist jedoch die bescheidene Präsentation des Spiels. Die Abstinenz von Sprachausgabe, Zwischensequenzen und dergleichen lässt das Spiel manchmal überraschend trocken wirken. Dies fügt der eigentlich interessanten Story freilich einigen Schaden zu.
Einsteigerfreundliches JRPG mit Magier-Kampfgruppe

Trotz einiger Eigenheiten folgt Terra Memoria den Spielprinzipien gängiger JPRGs. Mit gewohnt unkomplizierter Steuerung erkundet man die Spielwelt aus einer isometrischen Perspektive und spricht mit NPCs um die Spielwelt kennenzulernen, Handel zu treiben oder zahlreiche Haupt- und Nebenquests zu erhalten. Letztere werden fein säuberlich in einem Questlog gelistet und regelmäßig aktualisiert. Außerhalb der Siedlungen muss man mit feindlicher Flora und Fauna sowie den Kadavern rechnen. Zufallskämpfe gibt es jedoch nicht. Die Gegner sind stets sichtbar und werden in Form von wandernden Flammen dargestellt. Man kann sie gut umgehen, jedoch ist es notwendig Kämpfe zu bestreiten, um Erfahrungspunkte für Level-Ups und Loot zum Verkaufen oder Craften zu erlangen.
Die Kämpfe laufen rundenbasiert ab. Eine Zugleiste gibt Auskunft über die Reihenfolge in welcher die Kampfteilnehmer agieren dürfen. In Terra Memoria besteht die aktive Kampfgruppe aus drei magisch begabten Charakteren (Moshang, Syl und Meta), welche ihre Gegner mit Elementarmagie traktieren. Jeder Gegner ist in der Regel gegen zwei der sechs Elementarklassen (Feuer, Eis, Wasser, Blitz, Wind und Erde) anfällig. Obendrein verfügt jeder Gegner über eine Schutzpanzerung, welche sich jedoch mit jedem erfolgreichen Angriff abbaut. Hat man die Schutzpanzerung durchdrungen, wird der Gegner weit auf der Zugleiste zurückgeworfen und ist von nun an Anfällig gegen alle Elementarklassen. Die Idee ist es den Gegner zunächst mit jenen Elementen zu traktieren, gegen die er anfällig ist. Hierdurch richtet man nicht nur mehr Schaden an, sondern zieht auch zwei statt einen Punkt der Schutzpanzerung ab.
Jeder der drei Kampfteilnehmer kann bis zu acht Zaubertechniken erlernen, jedoch sind nur vier von denen aktiv geschaltet. Ab einem bestimmten Zeitpunkt muss man also zwischen zwei Zauberspruch-Optionen entscheiden. Neben den sechs unterschiedlichen Elementklassen gibt es auch Heilzauber. Obendrein wirken die Zauber entweder nur für/gegen eine Einheit, oder für/gegen die ganze Gruppe.
Ein weiterer Aspekt sind die Support-Gruppenmitglieder. Alto, Edson und Opal beteiligen sich zwar nicht direkt im Kampf, koppeln sich jedoch an einen der drei Magier, um für diesen einen Satz alternativen Zaubersprüche anzubieten. Zwischen den beiden Spruch-Varianten kann man bequem und ohne Einschränkung hin- und herschalten und hat somit eine breitere Aktionspalette. Der Haken ist jedoch, dass bei jedem Kampf der Zufall entscheidet, mit welchen Magier sich die drei Support-Charaktere zusammenschließen. Freilich ergeben sich aus den Charakterkonstellationen unterschiedliche Alternativ-Zauber. Sobald man jedoch alle sechs Gruppenmitglieder beisammen hat, darf man begrenzten Einfluss darauf nehmen, welche Charakterkonstellationen erlaubt sind, und welche nicht.
Aber ehrlich gesagt ist es gar nicht notwendig sich zu sehr den Kopf darüber zu zerbrechen, da der Schwierigkeitsgrad von Terra Memoria doch ziemlich niedrig gesetzt ist. Die Charaktere leveln schnell auf und können bzw. müssen durch Kochen und Crafting weiter aufgepowert werden.
Im Verlauf des Spiels kann man haufenweise an Kochrezepten erlangen. Bei einer Übernachtung im Hotel oder am Lagerfeuer darf man das Koch-Minigame aktivieren, sofern man über die entsprechenden Rezepte und Zutaten verfügt. Letztere kann man entweder in respawnenden Ernteplätzen der Spielwelt finden oder bei Händlern erwerben. Das Koch-Minispiel ist sehr simpel und funktioniert wie eine leichte und simplifizierte Version eines Tanzminigames á la Parappa the Rapper. Obendrein bekommt man unbegrenzt viele Versuche das Spielchen zu gewinnen. Bei Erfolg bekommen alle Gruppenmitglieder einen permanenten HP-Bonus gutgeschrieben. Tatsächlich ist dies die primäre Methode um die Lebenspunkte der Charaktere aufzubauen, da die Level-Ups doch etwas ineffizient sind. Insgesamt besteht ca. 80 % der Gesamt-HP aus den Boosts des Kochen-Minigames. Man sollte diesen Aspekt des Spiels also nicht ignorieren.
Darüber hinaus können die drei aktiven Kampfteilnehmer auch noch drei Pins bzw. Anstecknadeln ausrüsten, um ihre Statistika wie Angriff, Verteidigung oder die Effektivität der Elemente zu steigern. Die Pins entdeckt man entweder in den obligatorischen Schatztruhen der Spielwelt, erwirbt sie bei Händlern oder erstellt sie einfach selbst. Für letztere Variante muss man eine Schmiede aufsuchen oder rasten. Hat man die benötigten Baupläne und Crafting-Gegenstände im Inventar, kann man die entsprechenden Pins erstellen und entweder selbst nutzen oder für gutes Geld weiterverkaufen.
Die Welt von Terra Memoria ist ziemlich linear strukturiert. Eine frei begehbare Weltkarte gibt es nicht, stattdessen gibt es Pfade welche die Siedlungen miteinander verbinden, halt so ähnlich wie in FFX. Diese Pfade geben aber dennoch Spielraum für Erkundung. Abseits des Weges kann man nicht nur Schatztruhen entdecken, sondern auch spezielle Puzzelfelder, deren Lösung notwendig ist, um neue Zauber für die Magier freizuschalten. Um Backtracking vorzubeugen gibt es eine Eisenbahnlinie im Spiel, deren großzügig verteilte Haltestellen als Schnellreisepunkte fungieren.
Ab einem bestimmten Zeitpunkt des Spiels erhält man obendrein Zugriff auf Neustadt. Eine Siedlung welche aus Abwanderern von Konstantis gegründet wurde. Man wird als Stadtplaner für Neustadt eingeteilt, was im Klartext bedeutet, dass man aus entsprechenden Materialien Gebäude, Brücken und Ziergegenstände craften kann, um damit Neustadt eigenhändig zusammenzusetzen und sich seine individuelle Siedlung zu erstellen. Wenn man sich die Mühe macht die individuellen Wünsche der Einwohner zu erfüllen, belohnen diese obendrein mit weiteren Kochrezepten. Es ist sogar möglich einige weitere NPCs der Spielwelt für Neustadt zu rekrutieren.
Das klingt jetzt zwar toll, allerdings wirkt Neustadt dann doch eher wie ein Gimmick, als ein zentrales Spielelement, zumal die Menüführung für den Aufbau etwas zu fummelig geraten ist und somit im Kontrast zur ansonsten leicht zu handhabenden Steuerung steht. Wer keinen Bock hat den Stadtplaner zu mimen, kann diesen Aspekt des Spiels jedoch durchaus ignorieren. Allerdings zwingt einen das Spiel bei manchen Hauptquests dazu einzelne Sachen zu bauen und/oder in der Spielwelt umzuplatzieren, damit man vorankommt. Komplett ignorieren lässt sich dieser Aufbau-Aspekt also doch nicht.
Hat man die Hauptquests des Spiels durchgeschafft, schaltet man in Neustadt sein eigenes Haus frei und kann Terra Memoria als Open-End-Spiel weiterzocken, sowie einige Epilog-Aufgaben für die sechs Hauptcharaktere erfüllen. Ärgerlich ist jedoch, dass das Spiel nur einen einzelnen Speicherstand zur Verfügung stellt, den man opfern muss, wenn man das Spiel noch mal von Vorne beginnen möchte.
Ich habe für meinen Spieldurchlauf mit allen Achievements übrigens 18 Stunden benötigt. Ich hatte jedoch nicht das Gefühl, als ob das Spiel zu kurz gewesen sei.
Einen dicken Pluspunkt gibt es noch dafür, dass es im Kampf eine Zeitrafferfunktion gibt, um die Kämpfe zu beschleunigen. Leider gibt es in den Gefechten aber auch das Knöpfchenphänomen. Ständig muss man irgendwelche Texteinblendungen wegdrücken, was den Spielfluss und die Geschwindigkeit der Kämpfe wieder ausbremst.
Grafik und Sound

Auf Basis der Unity-Engine setzt Terra Memoria auf einen 2,5D-Grafikstil. Die Umgebung ist in 3D-Grafk gehalten, während die Charaktere in 2D-Sprites dargestellt werden.
Was die 3D-Grafik anbelangt kann das Spiel nicht überzeugen. Die 3D-Assets wirken wie minderwertiger Unity-Kram, der zwar seinen Dienst leistet, aber niemanden hinter dem Ofen hervorlockt. Es ist nicht so, dass die 3D-Grafiken schlecht aussehen, aber sie wirken billig und uninspiriert.
Glücklicherweise können jedoch die 2D-Sprites überzeugen. Diese sind niedlich und detailliert gestaltet, und erzeugen einerseits einen schönen Retro-Charme, ohne dabei jedoch auf einen eigenständigen Stil zu verzichten. Schade, dass die 3D-Umgebungen da nicht mithalten können.
Der Soundtrack des Spiels entpuppt sich als überaus instrumental. Meinen persönlichen Geschmack konnte der OST nicht treffen, die zahlreichen Instrumente und deren Klänge wirkten auf mich sehr überladen und stellenweise auch disharmonisch. Ich möchte damit aber nicht sagen, dass der OST schlecht oder unpassend ist, er geht lediglich völlig an meinem Geschmack vorbei. Von daher ist von mir an dieser Stelle auch keine Lobhuldelei zu erwarten.
Doch das eigentliche Problem ist die völlige Abstinenz einer Sprachausgabe. Terra Memoria ist eines jener Spiele, welches stark von einer Synchronisation profitieren würde, da man dadurch die Persönlichkeiten und Emotionen der Charaktere erfassen könnte, was mit reinen Textboxen halt stellenweise sehr schwer fällt. Und eine Alternative in Form von wandelnden Mugshot-Artworks für die Textboxen oder Emoticons für die Charakter-Sprites wird ja auch nicht angeboten.
Im generellen wirkt die Gesamtpräsentation von Terra Memoria schwach und trocken auf mich. Eine hässliche 3D-Grafik welche Vorurteile gegenüber Unity befeuert, keine Sprachausgabe, keine Konterfei-Artworks in den Textboxen, keine Zwischensequenzen (sei es nun Ingame-Sequenzen oder separate Videos) … Das sind alles Dinge welche bereits von JRPGs in den 90ern geboten wurden. Mag sein, dass die Entwickler nur ein sehr kleines Budget zur Verfügung hatten, aber unterm Strich haben sie es sich dann doch zu einfach gemacht. Und das ist schade, da Terra Memoria unterhaltsam genug ist, dass es an dieser Stelle mehr verdient gehabt hätte.
Pro & Kontra
- ist relativ einsteigerfreundlich dank des niedrigen Schwierigkeitsgrads und einer recht kurzen Spieldauer von 15-20 Stunden
- es gibt einige nette Aktivitäten wie Kochen, das Aufbauen einer Siedlung und viele Nebenquests
- bodenständige aber dennoch interessante Story in einer exotischen Welt
- keine Zufallskämpfe, außerdem gibt es eine Speed-Up-Funktion für die Kämpfe
- eher schwache Grafik auf Basis der Unity-Engine
- keine Sprachausgabe
- lästiges Knöpfchenphänomen im Kampf
- schwache Gesamtpräsentation
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