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Branded to Kill REZENSION


Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: zwischen 1956 und 1967 drehte Seijun Suzuki für Nikkatsu ganze 40 Spielfilme ab. Im Schnitt sind das zwei Filme pro Jahr, die der Filmemacher für seinen Arbeitgeber ablieferte. Nikkatsu war eines der umtriebigsten Studios in der Nachkriegsära. Die Wirtschaft boomte, die Menschen hatten wieder mehr Geld, aber wenig Zeit. Da kamen die am Fließband produzierten Filme vielen recht. Nikkatsu erkannte früh: für jeden Geschmack gibt es einen Markt. Softpornos, Schnulzen, historische Filme und Yakuza-Streifen bestimmten den hauptsächlich auf B-Movies fokussierten Output.

Auch Suzuki hat sich in vielen der Genres bewegt. Ein großer Teil von Suzukis Schaffen für Nikkatsu ist heute in Vergessenheit geraten, auch wenn sich cinephile Fans und Verleiher weltweit in den letzten Jahren darum bemühen, das Werk des Japaners zugänglich zu machen. Die großen Werke sind mittlerweile ziemlich gut verfügbar, darunter auch jene zwei Werke, die zum historischen Bruch zwischen Suzuki und den Bossen bei Nikkatsu führen sollten. Denn der Regisseur hatte irgendwann keine Lust mehr sich an die Vorgaben des Studios zu halten und driftete immer mehr ins Künstlerische ab.

Der Killer mit dem Reis-Fetisch


Habt ihr euch beim Geruch von frisch gekochten, weißen Reis auch schon mal erregt gefühlt? Also sexuell erregt? Nee? Goro Hanada (Joe Shishido) würde die Frage mit Ja beantworten. Für ihn ist der Geruch von frisch gekochten Reis gar das einzige, was ihn so richtig in Fahrt bringt. Wenn er mal nicht daheim mit der Nase im Reiskocher hängt, während seine Frau wartet, dass der von ihr eher verabscheute Gatte bereit ist, tötet Hanada Menschen für Geld. Wer das ist, das ist und warum sie jemand tot sehen will, ist Hanada ziemlich egal. Fragen werden in diesem Gewerbe nicht gestellt und der meist eine dunkle Sonnenbrille tragende Killer hält sich daran. Viel beschäftigt ihn ohnehin nicht im Leben. Außer, nun ja, frisch gekochter Reis. Und die Tatsache, dass er lediglich Killer Nummer 3 ist. Zu gerne wäre er die Nummer 1 im ganzen Land. Da kommt es ihm gelegen, dass er durch einen fehl geschlagenen Auftrag sowieso bei seinen Auftraggebern unten durch ist und von den Nummern über ihn und unter ihn gejagt wird…

Der oftmals in Kritiken von westlichen Autorinnen und Autoren fälschlicherweise als Yakuza-Film eingeordnete Branded to Kill ist Suzukis finaler Film für Nikkatsu gewesen und hat das Fass endgültig überlaufen lassen. In einem Interview, welches auf der von Rapid Eye Movies herausgegebenen Blu-ray zu finden ist, erzählt der sichtlich amüsierte Regisseur Jahrzehnte später, wie es zum Bruch zwischen ihm und seinen Arbeitgeber gekommen ist. Egal ob man den Film zum ersten oder wiederholten mal sieht, kann man schon ganz gut nachvollziehen, warum Nikkatsu Suzuki auf die Straße geworfen hat. Während das Studio weitere Massenware erwartete, die schnelles Geld einbringen sollte, lieferte Suzuki…nun, was eigentlich hat er da abgeliefert?

Schmetterlinge und tödliche Schönheiten


Branded to Kill ist ein seltsamer Film. Auf der einen Seite ist der Film durchzogen von teils roher Gewalt. Hanada und seine „Kollegen“ töten ohne Moral oder zu hinterfragen. Auch abseits seiner Arbeit verhält sich Hanada alles andere als sympathisch, vor allem seiner Frau gegenüber, deren Beziehung toxisch ist und ebenfalls von Gewalt erfüllt. Gleichzeitig ist Branded to Kill aber auch bizarr, mitunter geradezu absurd schrullig. Wenn Hanada nach einem geglückten Attentat aus dem Fenster springt und auf einem Wetterballon liegend in die Sicherheit fliegt, dann muss man nicht nur schmunzeln. Und dann ist da die ganz offensichtlich künstlerische Ebene, die irgendwo zwischen deutschen Expressionismus und französischer Nouvelle Vague angesiedelt ist. Vor allem die Szenen in denen Hanadas neues Love interest Misako (Annu Mari), die idealtypische Femme fatale, auftritt, entziehen sich mehr und mehr der Realität. Misakos Appartment, deren einzige Ausstattung an die Wände genagelte Schmetterlinge zu sein scheinen (einige davon noch lebend!), vergisst man so schnell nicht.

Bei all seiner Überhöhung, der mitunter abstoßenden Gewalt, seinen vielen interessanten visuellen Spielereien ist Branded to Kill aber eben auch ein B-Film, der nie dafür gedacht war, ein großer Klassiker zu werden. Das Schauspiel ist teilweise unterirdisch, bei Übergängen zwischen Schnitten scheinen Anschlussszenen zu fehlen und konfus ist das Ganze ohnehin. Aber am Ende ist dies eben auch ein Film, der einem im Gedächtnis bleibt.

Tolle Edition


Branded to Kill ist im deutschsprachigen Raum auf Blu-ray via Rapid Eye Movies zu haben. Der Film kommt in einer Amary-Hülle inklusive schönen Pappschuber daher. Neben dem Film, vorliegend im japanischen O-Ton mit deutschen Untertiteln, finden sich auf der Blu-ray noch das bereits erwähnte Interview mit dem Regisseur, ein Interview mit Hauptdarsteller Joe Shishido und dem Setdesigner. Außerdem gibt es noch ein informatives Booklet mit einem Essay über den Film.

Adrian sagt:

Branded to Kill ist ein Film, den man so schnell nicht vergisst. Selbst wenn man den Film nicht unbedingt gut findet, so ist er dennoch ein unterhaltsames Erlebnis, bei dem man bis zum Finale hin immer neue Ideen vorgesetzt bekommt. Eines, welches man viel länger im Gedächtnis trägt, wie viele andere Filme. Die absolut kruden Ideen mögen ein Sinnbild für Suzukis Humor sein. Vielleicht wollte er auch bewusst einfach nur Unsinn abliefern, um seine Bosse zu ärgern. Vielleicht beides. Gleichzeitig erkennt man eine starke eigene Handschrift, die sich in späteren Werken des Regisseurs weiter manifestieren sollte. Denn mit dem Ende bei Nikkatsu war das Schaffen von Suzuki noch lange nicht vorbei.

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