Silver Pines REVIEW

Ja, es gibt sie noch, die Überraschungen, die wie aus dem Nichts kommen. Zumindest ich hatte Silver Pines gar nicht auf meinen Radar und erst im Zuge der Veröffentlichung und guter Kritiken wahrgenommen. Und ein kurzer Blick auf das Debütspiel von Wych Elms verriet mir schnell: oh ja, das ist etwas für mich! Und siehe da: trotz einiger Ungereimtheiten hat mich mein Bauchgefühl nicht im Stich gelassen.

Wo ist Eddie Velvet?


Prinzipiell kann man recht schnell feststellen, ob Silver Pines etwas für einen selbst ist. Mögt ihr Twin Peaks? Habt ihr eine Vorliebe für Survival-Horror der klassischen Art? Und seid ihr der Spielstruktur eines Metroidvanias nicht abgeneigt? Dann stehen die Chancen sehr gut, dass ihr hier bekommt, was euch gefällt.

Die Entwickler versuchen erst gar nicht ihre Inspirationsquellen zu verheimlichen, schaffen es aber dennoch aus den bekannten Versatzstücken etwas eigenständiges zu kreieren. Allerdings kann man sich durch das Kennen der narrativen Vorlagen auch einiges „kaputt“ machen. Zumindest ging es mir so, da ich einen der zentralen Twists recht schnell durchschaut habe. Wenn man so viel gesehen, gespielt und gelesen hat, wie ich mit meinen fast 40 Jahren, dann passiert das mittlerweile recht häufig, aber es ist dennoch schade. Den Spaß an der Geschichte per se hat es mir aber nicht genommen, wobei die verworrene Story aber ohnehin nicht so richtig bei mir gezündet hat. Auch hier: das mag für andere ganz anders sein und interessante Elemente sind definitiv da.

Wir schlüpfen in die Rolle von Red Walker, einem Privatdetektiven, der mitten in der Nacht in einem verlassenen Diner vor dem kleinen Örtchen Silver Pines aufwacht. Ein klingelndes Münztelefon vor dem Restaurant – wir schreiben das Jahr 1993, Mobiltelefone gibt es zum Glück noch nicht – und ein Telefonat mit unseren sichtlich genervten Auftraggeber später wissen wir: unser Auftrag ist das Auffinden eines Musikers namens Eddie Velvet. Warum, wieso, weshalb? Das findet man nach und nach heraus. Ebenso stellt man schnell fest das Silver Pines fast so verlassen, wie das Diner – abgesehen von ein paar seltsamen Leuten, wie einen grimmigen, ziemlich aggressiv wirkenden Polizisten, einen Mann, der wie von Sinnen ein immer größer werdendes Loch gräbt, einer Femme Fatale und einem Cowboy mitsamt weißen Schimmel. Ach, und seltsame und als Gegner fungierende Schattengestalten gibt es auch…

Ein Vibe-Spiel


Wie gesagt, die Geschichte selbst hat mich nicht richtig abholen können, aber das will ich gar nicht so hoch hängen. Wo Silver Pines für mich hingegen richtig gezündet hat, ist die Stimmung. Der Titel trieft nur so vor Vibe und ist in dieser Hinsicht definitiv eines der interessantesten Spiele des Jahres. Alleine die Mischung aus visueller Gestaltung und musikalischer Untermalung trifft einfach den Nagel auf den Kopf. So wie ich das sehe, basieren die Hintergründe teilweise auf nachbearbeiteten Fotografien, die mit einem sehr eigenen Comic-Stil abgeändert wurden. Darauf treffen sehr flüssige und real anmutende Animationen, bei denen das Rotoskopie-Verfahren zum Einsatz gekommen ist. Dadurch wirken selbst kleinste Bewegungen, wie etwa der im Wind flatternde Trenchcoat von Walker, auf eine realistische aber irgendwie auch bizarre Art realistisch. Aufgrund der nach und nach ins surreale abdriftenden Stimmung wirkt das Ganze ohnehin zunehmend wie ein Fiebertraum, auch weil man bei den Settings immer mehr den Boden des Realen verlässt und ins (alp)traumhafte abgleitet. Hinzu kommt ein Soundtrack voller wabernder Jazz-Klänge und eine richtig tolle englische Sprachausgabe.

Gelernt von den Klassikern


Beim Game-Design orientiert man sich bei frühen Survival-Horror-Spielen. Knappheit von Munition und Heilressourcen ist der Normzustand, man sucht nach Schlüsseln, um damit Türen zu öffnen, hinter denen wiederum andere Schlüssel für andere Türen sind. Es gibt die genretypischen Rätsel, bei denen man etwas um die Ecke denken muss. Und wenn Walker mit diversen Schrotflinten, seiner Pistole oder aus der Nagelpistole auf Gegner schießt, kann er sich dabei nicht nach vorne oder hinten bewegen.

Das Kampfsystem weicht dennoch etwas von der klassischen Genre-Schule ab, was nicht zuletzt an der Tatsache liegt, dass es sich bei Silver Pines um ein 2.5D-Spiel handelt und der Titel daher auf den ersten Blick eher an ein Castlevania anstatt an ein Silent Hill erinnert. Neben diversen Schusswaffen nehmen auch Nahkampfwaffen einen Teil des natürlich begrenzten Inventars ein. Diese sind aufgrund der Knappheit an Munition nicht nur ein wichtiges Werkzeug in den Kämpfen, sondern auch sprichwörtlich ein Werkzeug in der Erkundung der Spielwelt. Früh wird man Bereiche vorfinden, die durch eine Plastikplane, durch Bretter und poröse Wände zwar theoretisch zugänglich sind, aber nur wenn man das richtige Werkzeug hat. Plastikplanen kann man recht früh bereits mit einem Messer aufschneiden, Bretter etwas später mit einer Brechstange aus dem Weg räumen und sobald man den Vorschlaghammer in die Hände bekommt, sind auch besagte Wände mit Rissen kein Hindernis mehr.

Häufig findet man in den nun zugänglichen Bereichen Ressourcen, gelegentlich auch wichtige Items für den Fortschritt und legt neue Bereiche und Abkürzungen frei.Das Erkunden der kleinen Stadt und seiner seltsamen Orte übt dadurch einen großen Reiz aus und macht viel von der Spielerfahrung aus. Übrigens werden nicht nur Gegenstände mit der Umgebung eingesetzt, um mit dieser zu interagieren. Auch die Möglichkeit das Walker springen und sich etwa an Dächern hochziehen kann, ist eine Möglichkeit um weiterzukommen.

Das Kampfsystem? Naja.


Die für mich größte Schwäche ist das Kampfsystem. Oder besser gesagt die fummelige Steuerung, mit der es umgesetzt wurde. Bis zum Ende bin ich nicht richtig warm mit der steifen Steuerung geworden, die insbesondere in Kämpfen gegen schnelle Gegnern und Bosse zu Frust geführt hat. Prinzipiell steckt durchaus Dynamik in den Auseinandersetzungen mit Gegnern. Nicht nur nutzt man Schuss- und Nahkampfwaffen, auch spielt das Ausweichen im richtigen Moment eine wichtige Rolle, um möglichst unbeschadet gegen die seltsamen (und leider auch etwas langweilig daherkommenden) Kreaturen zu bestehen. Immerhin hat man bei Standerdgegnern gut die Möglichkeit diesen aus den Weg zu gehen.

Video zum Spiel

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