Where the Water Tastes Like Wine REVIEW

Videospiele sind in den letzten 40 Jahren einen langen Weg gegangen. Was mit zwei Strichen und einem Punkt begann und nur mit viel Fantasie als virtuelle Adaption von Tischtennis durchging, ist unlängst in technisch und spielerisch höchst komplexen Sphären angekommen. Doch so thematisch und konzeptionell vielschichtig das Medium mittlerweile auch sein mag, so sehr hängt ihm doch noch der Ruf nach, nur in den seltensten Fällen eine wirklich gute Handlung zu erzählen. Where the Water Tastes Like Wine, das Debütspiel von Dim Bulb Games, setzt das Erzählen nun selbst in den Fokus und macht den Spieler zum Storyteller, der durch das Amerika zur Zeit der Great Depression reist und Geschichten sammelt, um diese weiterzugeben.

From east to west, from north to south

Where the Water Tastes Like Wine lässt euch die USA zu Zeiten der Großen Depression bereisen. Dabei seid ihr den überwiegenden Teil der Zeit zu Fuß unterwegs, könnt aber auch per Anhalter oder mit dem Zug weitere Strecken zurücklegen.

Die Rolle des Geschichtenerzählers wird dem namenlosen Protagonisten zu Spielbeginn eher unfreiwillig zuteil. Dieser kommt auf seiner Reise durch die USA an einem heruntergekommenen Haus, in welchem zweifelhafte Gestalten – darunter auch ein von Sting (ja, dem Sting) gesprochener Mann mit Wolfskopf– Poker spielen und ihn zu einer Runde einladen. Trotz einer nahezu perfekten Hand ist am Ende nicht nur sämtliches Hab und Gut weg, zusätzlich stehen wir auch noch in der Schuld des Wolfsmannes und müssen das große Land durchstreifen, um für ihn Geschichten zu sammeln.

Von der Ostküste ausgehend ist es euch fortan freigestellt, wohin eure Reise geht. Ihr könnt die Küste entlang Richtung Süden gehen, den Weg in den kalten Norden antreten und euch an der kanadischen Grenze entlang in den Westen aufmachen oder einen vollkommen anderen Weg einschlagen. Die virtuellen Staaten werden als in 3D gerenderte Oberweltkarte dargestellt, was auf den ersten Blick ein wenig an an ältere JRPGs (Final Fantasy) erinnert. Die visuelle Präsentation der Karte ist mit ihrem minimalistischen Stil und der ausgewaschenen Farbpalette zwar durchaus ansprechend, verliert aufgrund mangelnder Abwechslung mit zunehmender Spielzeit aber an Reiz.

Die meiste Zeit über seid ihr zu Fuß unterwegs. Wie im echten Leben, so ist diese Art des Reisens auch in Where the Water Tastes Like Wine langwierig und mühsam. Etwas schneller geht es, wenn ihr eine befahrene Straße entlang geht und versucht ein paar Meilen per Anhalter zurückzulegen oder in einen Zug steigt, der euch zu einer nahen Großstadt befördert. Letzteres kostet allerdings Geld, es besteht aber die Möglichkeit sich als blinder Passagier an Bord zu schleichen, was aber meistens auffliegt und Lebensenergie kostet. Um diese wieder aufzufüllen, muss man Nahrung zu sich nehmen, was wiederum nur in großen Städten möglich ist. In diesen kann man auch versuchen Geld zu verdienen, entweder, indem man bettelt oder versucht einen lukrativen Tagelohn zu finden. All dies geschieht nicht durch aktive Tätigkeiten, sondern durch das Klicken durch Menüs und Bildschirmtexte, an welche gelegentlich auch Multiple Choice Antworten geknüpft sind.

Ungewohnter Einblick in die amerikanische Seele

Auf der Reise begegnet man nicht nur vielen Geschichten, sondern auch einigen zentralen Figuren. Diesen gibt man die gehörten Geschichten weiter und erhält so ihr Vertrauen.

Der eigentliche Kern ist aber das Suchen und Sammeln von Geschichten. Über 200 gibt es von diesen. Meist sind sie kurz, oftmals ein bisschen belanglos und schnell wieder vergessen. Dann gibt es aber auch die Ausnahmen, die im Gedächtnis verweilen und zum Nachdenken anregen. Mal sind es traurige, mal lustige, mal deprimierende, mal lebensbejahende, mal gruselige, mal seltsame Geschichten, die man auf seinem Fußmarsch durch die USA hört. Relativ früh hörte ich etwa von dem Schicksal eines jungen Paares, welches sich in den Irrungen und Wirrungen ihrer Zeit trennen musste, damit der Mann hunderte Meilen weiter eine Arbeit finden konnte. Oder von einem Jungen, der seinem von zu Hause abgehauenen Vater gefolgt ist. Ich traf auf Immigranten, die im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ihr Glück suchten, ich traf auf Menschen, die das Pech fanden. Besonders einnehmend waren die Erzählungen einer Ureinwohnerin, die über den Umgang der „Amerikaner“ mit ihrem Volk sinniert.

Where the Water Tastes Like Wine gewährt einen ungewöhnlichen Einblick in die amerikanische Seele. Dies macht das Spiel befreit von jeglicher Euphorie und Pathos, den Erzählungen über die USA eben oftmals anhängen. In gewisser Weise findet eine Entzauberung des Mythos USA statt, was ich so vor dem Spielen nicht erwartet hätte. Überhaupt herrscht eine enorme Schwermütigkeit vor, was nicht zuletzt am gewählten Setting liegt. Dieses ist in einer alternativen Version der Großen Depression der 1930er Jahre verortet, nimmt sich aber einige Freiheiten, sodass auch übernatürliche Elemente ihren Platz finden.

Geschichten als Währung

VIele der über 200 Geschichten sind belanglos, einige aber auch spannend und auf ihre Art mitreißend.

Geschichten dienen in Where the Water Tastes Like Wine nicht nur der eigenen Unterhaltung und Reflektion, sondern auch als Währung. Jede Geschichte, die man hört oder erlebt, wird ins eigene Repertoire übernommen und kann weitergegeben werden. Nicht nur der Wolfsmann lauscht den gesammelten Erzählungen, auch für den Hauptplot wichtige Figuren, die man an Lagerfeuern trifft, wollen unterhalten werden. Um mehr über das Gegenüber zu erfahren, muss man den richtigen Nerv und somit die richtige Story finden. Manch einer gruselt sich gerne, andere wollen etwas positives hören usw. Ob eine Erzählung Anklang findet, lässt sich anhand einer Statusleiste ablesen, in deren Mitte sich ein Wolfsauge befindet. Je weiter sich dieses öffnet, desto mehr gibt auch das Gegenüber über sich preis.

Vor allem während der ersten vier, fünf Spielstunden erweist sich das bedächtigte Reisen und Sammeln als überaus befriedigend. Nicht zuletzt die stilsichere Präsentation, die qualitativ hochwertig vertonten Dialoge und Erzählungen sowie die wunderbare, sich aus einer Mischung aus Jazz, Blues und Folk zusammensetzende Musik bereiteten mir viel Freude. Nach und nach ging mir dieses Gefühl aber verloren, denn Where the Water Tastes Like Wine hat kein „Ziel“ im klassischen Sinne, vielmehr ist der Weg ausschlaggebend. Dies täuscht aber nicht darüber hinweg, das man irgendwann das Gefühl bekommt, dass das Sammeln von Geschichten und deren Weitergabe an andere Figuren zur Fleißaufgabe wird.

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Spiel Bewertung
Singleplayer
71
71
-
Multiplayer

FAZIT

Gerade in den ersten Stunden hatte ich eine fantastische Zeit mit Where the Water Tastes Like Wine. Das unverbrauchte Setting ließ mich in eine spannende wie mir weitestgehend verschlossene Welt eintauchen, die trotz ihrer künstlerischen Kniffe viel über die USA preisgibt. Der fantastische Art-Style, die einnehmende Musik und die tollen Sprecher hinterlassen ebenfalls einen guten Eindruck und hielten mich gerade in den manchmal etwas mühseligen Fußmärschen über die Oberwelt oder den oftmals auch belanglos anmutenden Erzählungen bei der Stange. Leider hat mich Where the Water Tastes Like Wine mit der Zeit dennoch verloren. Weniger wäre hier mehr gewesen, ein etwas kompakteres Format sinniger.

- Von  Adrian

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USK 12 PEGI 12

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