Ni no Kuni II: Schicksal eines Königreichs REVIEW

Das vor rund fünf Jahren erschienene Ni no Kuni: Der Fluch der weißen Königin hat bis heute einen besonderen Platz in meinem Herzen. Spielerisch hatte die Zusammenarbeit zwischen Level-5 und dem prestigeträchtigen Studio Ghibli zwar so ihre Schwächen, doch die wunderschöne Präsentation, einhergehend mit der märchenhaften Musik und der rührenden Geschichte um den jungen Oliver und seinem Begleiter, dem Stofftier Tröpfchen, machten so manche spielerische Unzulänglichkeit vergessen. Mit Ni no Kuni II: Schicksal eines Königreichs steht nun die von Fans lange erwartete Fortsetzung in den Startlöchern. Nicht nur bricht diese aber mit einigen Formeln des Vorgängers, auch stand Studio Ghibli nicht mehr für eine neuerliche Zusammenarbeit zur Verfügung. Das merkt man dem Spiel jedoch zu keinem Moment an, denn es versprüht auch ohne Beteiligung des berühmten Animationsstudios dessen Magie.

Evan von Katzbuckel

Die Charaktere von Ni no Kuni II wachsen schnell ans Herz, auch die Handlung birgt interessante Ansätze und ist zuweilen erstaunlich ernst. So richtig in Fahrt will die Geschichte aber nicht kommen.

Im Zentrum von Ni no Kuni II: Schicksal eines Königreichs steht Evan Pettiwhisker Tildrum, Prinz des Königreiches Katzbuckel. In diesem leben Miez und Mauß sowie Menschen Seite an Seite, allerdings gibt es seit jeher Spannungen zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen. Diese entladen sich schließlich in einem tödlichen Giftanschlag auf König Leopold und dem darauffolgenden Putsch der Mauß. So sieht sich Evan in der Nacht vor seiner geplanten Krönungszeremonie zur Flucht aus seiner geliebten Heimat ins Exil gezwungen. Hilfe erhält er dabei von Roland, einem wie aus dem Nichts erschienenen Fremden, der zunächst selbst nicht so recht weiß, wie ihm geschieht. Dem Duo gelingt die Flucht, doch die Verfolger bleiben ihnen auf den Fersen. Und auch außerhalb von Katzbuckel läuft nicht alles so, wie es sich Evan einst hinter den abgeschotteten Mauern seines Schlosses vorgestellt hat. Monster und Räuberbanden bedrohen die friedliebenden Bewohner, gleichzeitig scheint eine düstere Macht ihren Einfluss auf andere Königreiche auszuweiten. Evan will sich all dem entgegenstellen und entschließt gemeinsam mit der Hilfe von Roland und seinen neu gewonnenen Freunden ein eigenes Königreich zu gründen, welches frei von Unterdrückung und Hass ist und in welchem jeder – unabhängig seiner Herkunft – willkommen ist.

Die offenbar mehrere hundert Jahre nach dem Erstling einsetzende Handlung löst sich inhaltlich nahezu komplett vom ersten Ausflug ins Ni no Kuni, was man sinngemäß in etwa mit „das zweite Land“ übersetzen würde. Zwar gibt es den ein oder anderen Verweis auf den Vorgänger, ansonsten steht das sich – je nach Spielweise – auf 30, 40 Stunden erstreckende Abenteuer von Evan aber für sich. Mindestens das Doppelte an Spielzeit kommt noch einmal oben drauf, wenn man alle Nebenquests und andere Pfade abseits des eigentlichen Plots mitnimmt. Die Handlung gestaltet sich diesmal ein Spur düsterer und entlockte mir gerade in den späteren Kapiteln das ein oder andere „Hui“. Die Tonlage ist zuweilen nämlich erstaunlich ernst, unter anderem werden nämlich Themen wie Rassismus, Ausgrenzung und übereifriger Fortschrittsgedanke thematisiert und das zuweilen auf eine Art und Weise, die ich so nicht erwartet hätte.

Das täuscht aber nicht darüber hinweg, das die eigentliche Geschichte ohne wirkliche Höhen, Tiefen und Wendungen auskommt, auch die emotionale Wucht, welche der Vorgänger bei mir ausgelöst hat, wurde hier zu keinem Moment erreicht. Auch wirkt die Geschichte irgendwie unfertig. Gerade nach dem Abspann beschlich mich das Gefühl, das eigentlich sehr viel mehr Zeit für die Entwicklung der Figuren und Ausarbeitung einzelner Motive aufgebracht worden war, die entsprechenden Abschnitte aber fehlen. Darüber hinaus macht die Inszenierung der Storyszenen einen zuweilen altbackenen Eindruck. Der Großteil der Zwischensequenzen besteht aus nicht vertonten Dialogen, in denen man sich munter durch die Textboxen klickt, die sehr ansprechenden Renderszenen sind hingegen meist sehr kurz und enden oftmals gefühlt zu abrupt. Dadurch wollte bei mir irgendwie nie so richtig die intendierte Stimmung aufkommen. Schade ist es vor allem um die sehr gelungene Vertonung, bei derer man die Wahl zwischen japanischer und englischer Sprache hat. Die Sprachausgabe ist in beiden Fällen nämlich auf einem sehr hohen Niveau und hätte gerne noch sehr viel prominenter eingesetzt werden können.

Märchenhafte Welt

Die Spielwelt von Ni no Kuni II ist betörend schön und fantasievoll gestaltet. Das auf dem Bild gezeigte Goldorado ist das frühe Highlight.

Auch aus den eigentlich interessanten Figuren wird insgesamt viel zu wenig gemacht, dennoch sind mir Evan und seine Freunde ans Herz gewachsen. Die optische Ausarbeitung der Figuren und der Welt spricht mich sowieso sehr an, nicht zuletzt, da man am unverwechselbaren Ghibli-Stil festhält. Einen großen Einfluss dürfte hier Yoshiyuki Momose gehabt haben, der beim berühmten Animationsstudio unter anderem als Animator an Chihiros Reise ins Zauberland mitgearbeitet hat. Vor allem die humanoiden Katzen- und Mausbewohner der Welt haben es mir angetan. Beim wunderschönen Weltendesign sticht vor allem Goldorado hervor, eine an das alte Hong Kong erinnernde Casino-Stadt, die man sehr früh im Spiel bereist. Später kehrt man außerdem in einer Hafenstadt inklusive Mittelmeer-Flair und Mechbaum ein, welches wie ein wahr gewordener Traum von Jules Verne anmutet. Auch die vielen Landstriche zwischen den großen Städten sind abwechslungsreich gestaltet und konnten mich mit ihrer unterschiedlichen Themen- und Farbpalette begeistern. Auch bietet sich die Welt zum Erkunden an, denn vielerorts gibt es geheime Höhlen, Wälder und Inseln zu entdecken, versteckte Schatztruhen, schwer erreichbare Orte und besonders knackige Gegner sorgen ebenfalls für eine intensivere Auseinandersetzung mit der Welt. Für weiteren Ghibli-Charme sorgt außerdem Komponist Joe Hisaishi (Prinzessin Mononoke), der mit seiner oft verträumten, gelegentlich auch etwas experimentellen Klängen nahezu immer den richtigen Ton trifft.

Etwas seltsam mutet derweil der zweite Kontinent der Welt an. Neben Mechbaum liegt auf diesem auch noch ein großes Wüsten- und Eisgebiet, welche beide im Rahmen der Haupthandlung aber nahezu keine Rolle spielen. Hier beschleicht mich beinahe das Gefühl, dass geplante Inhalte – sei es aus Zeitmangel oder zur Weiterverwertung im Rahmen möglicher DLCs – gestrichen wurde. Die Welt bereist ihr die ersten Spielstunden übrigens zu Fuß, erst später erleichtern euch bequemere Fortbewegungsmittel zu Wasser und in der Luft die Reise. Die meiste Zeit über bewegt man sich dabei über eine Oberweltkarte, die im Chibi genannten Kopffüßler-Look präsentiert wird. Zusätzlich lassen sich in jedem Gebiet Schnellreisepunkte aktivieren, was das Reisen innerhalb der großen Welt auf Dauer bequemer macht.

Knuffig, diese Gnuffis

Das actionorientierte Kampfsystem ist eine sinnige Überarbeitung und spielt sich trotz fehlender Tiefe enorm griffig und zufriedenstellend.

Das häufig kritisierte, rundenbasierte Kampfsystem von Ni no Kuni wurde derweil verworfen und weicht actionorientierten Kämpfen in Echtzeit. Diese werden mit bis zu drei Figuren gleichzeitig bestritten, wobei man im laufenden Gefecht nach Lust und Laune zwischen den aktiven Mitgliedern der Gruppe hin und her wechseln kann. Alle spielbaren Figuren bringen ein eigenes Set an magischen Fähigkeiten mit und sind spezialisiert im Umgang mit je einem Waffen-Typus. Evan etwa bestreitet die Kämpfe mit Schwertern, während die junge Luftpiratin Shanty im Umgang mit Lanze und Bogen geübt ist. Ihr Vater Zoran hingegen setzt auf Großhammer und Äxte mit hohen Schaden. Ein allzu sehr in die Tiefe gehendes Kampfsystem sollte aber nicht erwartet werden, Zugänglichkeit und flotte Action stehen hier ganz klar im Vordergrund. So spielen sich die einzelnen Charaktere trotz unterschiedlicher Ausrüstung dann doch recht ähnlich. Auch ist es nicht möglich, die Aktionen der computergesteuerten Kameraden vorab festzulegen, insgesamt verhalten sie sich aber klug und sorgen für gute Unterstützung.

Ein neues Element innerhalb der Kämpfe sind die Gnuffis. Das sind kleine, verdammt knuffige Naturgeister, die Evan und seinen Freunden zur Seite stehen. So attackieren die Gnuffis selbstständig Gegner, liefern frische Energie und Zauberkraft oder entfalten einen Schutzwall, der vor bestimmten Elementarschäden schützt. Es gibt zwei Wege, um an Gnuffis zu kommen. Zum einen kann man sie an versteckten Obelisken beschwören, muss dafür aber das richtige Opfermahl im Inventar haben, zum anderen kann man sie in der Gnuffiküche unter Einsatz von Ressourcen erschaffen.

Königreich im Eigenbau

Im Regierungsmodus baut ihr euer eigenes Knöigreich auf und erweitert es nach und nach um neue Gebäude und Einrichtungen, die euch auch im eigentlichen Spielverlauf helfen.

Damit wären wir auch schon bei einer weiteren Neuerung: dem eigenen Königreich. In einer Steppe wird dieses auf den Namen Minapolis gegründet und dient Evan und seinen Kameraden fortan als neue Heimat. Das Königreich wird in einen an Aufbauspiele erinnernden Regierungsmodus verwaltet und stetig um neue Gebäude erweitert. Neben der genannten Gnuffiküche errichtet man ein Magielabor, eine Waffenwerkstatt, verschiedene Märkte, Kasernen usw. Allen Einrichtungen kommt eine besondere Eigenschaft hinzu. In Geschäften kann man selbstredend neue Heilgegenstände und andere Ressourcen kaufen, im Atelier und beim Schmied werden Ausrüstungen und Waffen hergestellt und verbessert, im Magielabor neue Zauber erlernt und verstärkt. Auch beim Regierungsmodus setzen die Entwickler weniger auf Tiefgang, als vielmehr auf Simplizität. Dennoch hat der Modus bei mir einen regelrechten Eifer ausgelöst. Ich wollte mein Königreich immer weiter wachsen lassen, neue Gebäude und somit Möglichkeiten für das Spiel freischalten und sämtliche Einrichtungen auf die höchste Stufe aufwerten. Um dies zu bewerkstelligen, braucht man wiederum genügend Geld und Einfluss. Während man die Kronen genannte Währung als Steuer von den Bewohnern einzieht, Einfluss wird durch immer neue Gebäude und deren Verbesserung gewonnen.

Ein weiterer Faktor, der dafür gesorgt hat, das ich viel Zeit mit dem Aufbau von Minapolis zugebracht habe, ist das Anwerben neuer Bewohner, die in den Einrichtungen mit ihrer jeweiligen Expertise wirken. Um neue Mitbürger zu gewinnen, muss man in der Regel Sidequests erfüllen. Bei vielen Nebenaufgaben erhält man dann eben nicht nur ein bisschen Geld, Erfahrungspunkte und im besten Fall noch ein spezielles Item, sondern auch einen weiteren Einwohner für Minapolis. Diese wuseln fortan durch die Stadt und vollbringen ihr Tagewerk.

Zu viel des guten

No nu Kini II lockt mit enorm vielen Nebenaufgaben. Leider sind diese doch sehr ähnlich aufgebaut und besinnen sich meist auf Such- und Sammelaufträge. Der neue Skirmish-Modus wirkt hingegen etwas verloren, macht hin und wieder aber durchaus Spaß.

Als weitaus weniger motivierend empfand ich die meisten Nebenaufgaben. Von diesen gibt es eine schier endlose Anzahl, laut Tagebuch, welches als Verzeichnis über offene und abgeschlossene Aufgaben dient, gibt es weit über 150 optionale Missionen. Der überwiegende Teil beschränkt sich dabei auf Such- und Sammelaufträge, Aufträge, in denen man sich etwa ein Wettrennen mit einem Jungen liefert oder Nudelsuppen ausliefert, bilden die Ausnahme. Zwar werden die meisten Aufgaben von durchaus interessanten Nebengeschichten und Charakteren begleitet, nach rund 60, 70 Aufgaben, die grob nach dem gleichen Schema verlaufen sind, ist mein Interesse an einer Fortführung aber nahezu komplett verschwunden. Etwas weniger Masse hätte Ni no Kuni II an dieser Stelle ganz gut getan.

Etwas vernachlässigt wirken hingegen die neuen Skirmish-Gefechte. Der nach dem Stein-Papier-Schere Prinzip funktionierende Modus wird ebenfalls in der putzigen Chibi-Perpsektive präsentiert und bildet ein weiteres Kampfsystem. Mit bis zu vier Armee-Einheiten tritt man gegen feindliche Truppen an und muss mal Minapolis verteidigen, mal marodierende Räuberbanden zurückdrängen. Vor jedem Einsatz legt man die gewünschten Truppen fest und sichert sich gegen Geldeinsatz zusätzliche Boni, wie mehr Lebensenergie oder schneller einsetzenden Nachschub. Die Offensiven bergen ebenfalls keinen allzu hohen Anspruch, machen hin und wieder aber dennoch Laune. Trotzdem wirkt der Skirmish-Modus im Gesamtkontext etwas verloren, wie ein in seinen Ansätzen zwar gutes Feature, bei dem die Entwickler aber nicht so ganz wussten, in welche Richtung sie es führen sollten.

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Spiel Bewertung
Singleplayer
82
82
Gut
-
Multiplayer

FAZIT

Ni no Kuni II: Schicksal eines Königreichs ist ein JRPG in erstaunlich klassischem Gewand. Das ist manchmal erfrischend altmodisch und schwimmt somit gegen den aktuellen Trend japanischer Rollenspiele, manchmal aber auch spürbar altbacken. Das gilt vor allem für die Inszenierung der Handlung. So gut die Dialoge auch geschrieben sind, so viel Freude mir die deutsche Lokalisation mit ihren Wortspielen auch bereitet hat, so sehr hätte ich mir mehr cineastischen Eifer und eine bedeutungsvollere Geschichte gewünscht. Dass selbst für die Handlung wichtige Momente mit nicht vertonten Zwischensequenzen abgefrühstückt werden und die Story am Ende auf wenig erinnerungswürdige Momente zurückblickt, sie stellenweise sogar fragmentiert und irgendwie unfertigt wirkt, hätte ich im Vorfeld nicht erwartet. Die überarbeiteten (Kampfsystem) und neu eingeführten (Aufbau des Königreiches, Gnuffi etc.) Mechaniken sind hingegen ziemlich geschliffen und spaßig. Spielerisch ist der zweite Ausflug in die Märchenwelt somit wesentlich kohärenter und in sich stimmiger, die Unmengen an oft belanglos wirkenden Such- und Sammelaufgaben sowie der etwas verloren wirkende Skirmish-Modus fallen da kaum negativ auf. Zudem ist das Spiel hinsichtlich seiner audiovisuellen Präsentation über jeglichen Zweifel erhaben. Ni no Kuni II: Schicksal eines Königreichs ist ein stellenweise betörend schönes Rollenspiel, welches durch und durch den Zauber von Ghibli atmet. Es ist aber nicht der erhoffte Hit, den ich mir im Vorfeld gewünscht habe.

- Von  Adrian

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Ni no Kuni II: Schicksal eines Königreichs REVIEW

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