Pokémon Purpur REVIEW

Pokémon im Open World-Abenteuer: Mit Pokémon Arceus erfuhr die inzwischen seit über zwei Jahrzehnten erfolgreiche Serie eine tiefgreifende Innovation, die die Spielerherzen höher schlagen ließ. Nach Release wurde dann jedoch auch bisweilen Skepsis laut und kritische Stimmen mehrten sich – innovativ ja, teilweise aber auch etwas leblos inszeniert und technisch auf einem bescheidenen Niveau. Mit Pokémon Purpur und Karmesin folgen nun die neuesten Ableger der Serie, im heutigen Test liegt die Purpur-Fassung auf dem Seziertisch. Erfolgte nun der notwendige Schritt in die richtige Richtung?

Willkommen an der Akademie

Ihr findet euch zu Beginn des Spiels – wie so oft – in den heimischen vier Wänden eures Charakters wieder, der in der Region Paldea beheimatet ist. Schon bald wird klar, wohin die Reise geht: Kurz nach dem Erhalt eures Starterpokémons – Felori, Krokel oder Kwaks – macht ihr euch auf den Weg nach Mesalona City, wohin euch eure neu gefundene Freundin und Schülersprecherin Nemila geleitet. Dort sollt ihr eure Ausbildung auf der Akademie starten, die von Direktor Clavel geleitet wird. In verschiedenen Unterrichtsklassen lernt ihr dort einiges über Pokémon; allzu lange werdet ihr euch dort allerdings nicht aufhalten: Schon bald zieht ihr in die weite Welt, denn einen großen Teil des Lebens an der Akademie nimmt die so genannte Schatzsuche ein. Dabei handelt es sich nicht um die Suche nach einem konkret vorgegebenen Schatz, sondern vielmehr nach einem Leitprinzip, das die Akademie vorgibt: Sobald grundlegende Kenntnisse über Pokémon erworben wurden, sollen die Akademieschüler in Paldea nach einem Schatz im Sinne ihrer ganz persönlichen Erfüllung suchen. Sobald ihr auf die Schatzsuche geschickt wurdet, beginnt das eigentliche Abenteuer – zum Glück, muss man sagen, denn bis es soweit ist, müssen doch einige Textboxen erduldet werden.

Sobald ihr dann auf der Schatzsuche seid, ergeben sich drei Handlungsstränge: Einerseits sammelt ihr wieder acht Arenaorden, andererseits begebt ihr euch auf den Pfad der Legenden, auf dem ihr gegen besondere Pokémon kämpfen müsst, um die so genannten Geheimgewürze zu gewinnen. Und zu guter Letzt wäre da noch das Team Star, das sich als unangenehme Gruppierung innerhalb der Akademie erweist, sich über das ganze Land verteilt und dabei unterschiedliche Stützpunkte hat, die es hochzunehmen gilt. Was nach recht viel Freiheit klingt, verliert dennoch schneller seinen Reiz als einem lieb sein könnte: Trotz dieser drei Handlungsstränge kommt man nicht um das Gefühl, dass der Spielverlauf doch ziemlich linear vorgegeben ist und sich die Aktivitäten auf den drei Handlungssträngen lediglich abwechseln, je nach dem, welches Ziel zufälligerweise gerade auf dem Weg liegt.

Im Vergleich zu Pokémon: Arceus ist die Spielewelt auch insofern ein wenig weniger offen, da das Fangen von Pokémon wieder ein wenig klassischer funktioniert. So beginnt ihr bei Kontakt mit Pokémon einen Kampf und setzt den Pokéball bei Bedarf per Knopfdruck ein, anstatt in der offenen Welt mit Bällen um euch zu werfen. Auch beim Leveln der Pokémon gibt es eine Neuerung, da nun alle Pokémon im Team Erfahrungspunkte erhalten, wenn ein Pokémon besiegt oder gefangen wurde.

Eine kleine Philosophie über die offene Welt

Wie eingangs erwähnt, war bereits bei Arceus die nun offene Welt der große Hoffnungsträger bei den Spielern und ein verheißungsvolles Versprechen. Wer sich an den Schritt von Zelda: Breath of the Wild erinnert, als die Serie in die offene Spielwelt schlüpfte, wird nachvollziehen können, warum eine solche Neuerung für so viel Hoffnung sorgt. Doch was macht den Reiz einer solchen offenen Welt aus?

Nun, wenn ihr mich fragt, liegt das vor allem daran, dass das Spiel und die Welt, in der man sich bewegt, dadurch so unfassbar viel lebendiger wird. Lineare Spielwelten neigen eher dazu, beim Spieler das Gefühl zu hinterlassen, er sei eher wie auf Schienen geführt unterwegs. Offene Welten hingegen vermitteln das Gefühl, echte Entscheidungsfreiheit zu haben: Allenfalls lose ist vorgegeben, was das nächste Ziel sein könnte; doch letztlich ist es der Spieler selbst, der entscheidet, wohin die Reise geht, was er als nächstes tut, wen er als nächstes trifft. Wird dies kombiniert mit einer authentischen, lebendigen Welt, kann dem Spieler das Gefühl vermittelt werden, wirklich Teil dieser Welt zu sein – es verschafft einem Spiel Tiefgang.

Warum diese kleine Abhandlung über offene Spielwelten? Aus einem einfachen Grund: An diesen konzeptuellen Gedanken lässt sich gut veranschaulichen, warum Pokémon Purpur am Tiefgang und der offenen Welt scheitert. Die bereits angesprochene, eher vermeintliche Offenheit des Spiels, der doch eher das Gefühl von Linearität entgegensteht, ist hierfür ein Grund. Der andere ist jedoch der, dass der Eindruck von Lebendigkeit einfach überhaupt nicht entstehen will. Dies liegt an verschiedenen Einflüssen: Sämtliche Schauplätze, sowohl die einzelnen Städte, als auch die wilden Landschaften, in denen ihr Pokémon antrefft, sind eher modellhaft dahingeklatscht, als dass sie lebendig wirken könnten. Selbst große Städte sind nur recht spärlich und durch spätestens in der Ferne nur extrem holzig animierte NPCs besucht und lohnen sich schlicht nicht zu erkunden. Beispiel gefällig? Gleich in Mesalona City, der ersten Stadt, die ihr besucht, finden sich mehrere Restaurants – die meisten davon übrigens zwar betretbare Gebäude; das Innere wurde jedoch niemals designt, sondern ihr erhaltet nur eine Textbox vor braunem Hintergrund! – gleich mehrmals; in unterschiedlichen Straßen bin ich so im Restaurant Meeresbrise oder der Barriba gelandet, mit den immer selben Textboxen und auch exakt derselben Auswahl an käuflichen Artikeln. Doch damit nicht genug, findet ihr diese Restaurants mit denselben Namen, denselben Textboxen und derselben Auswahl auch in den weiteren Städten wieder. Die Krönung ist ein Sandwichrestaurant – lobenswerterweise eines der wenigen Restaurants mit echter Inneneinrichtung – in dem ihr einen Mitarbeiter antrefft, der sich in der nächsten Stadt, in der ihr überhaupt noch nicht wart, in einem gleichartigen Restaurant an euch erinnern wird. Hinzu kommen Bewohner in den Städten, die ganz einfach überhaupt nichts Interessantes zu sagen haben: Keine Sidequests, keine wertvollen Hinweise, immer wieder nur belangloses Geschwafel.

Auch in der Wildnis sieht es da nicht besser aus. Umherstreifende Pokémon sind zwar reichlich vorhanden, doch im Übrigen wirkt die Landschaft leblos, karg und geradezu langweilig designt. Items scheinen mit einer Art Salzstreuer vollkommen beliebig über die Karte verstreut worden zu sein, zu dem einzigen Zweck, dass ihr euch länger als nötig in der Ödnis herumschlagt, um alles einzusammeln, was es einzusammeln gibt. Weder Städte noch die Wildnis belohnen euch demnach für eure Erkundungsbemühungen, sondern wirken eher wie inhaltsleere Füllmasse, die die Spielzeit zäh in die Länge ziehen soll.

Insgesamt wirkt Pokémon Purpur so einfach nicht wie ein fertiges Spiel. Immer wieder erhält man den Eindruck, als spiele man eine Version, von der ein seriöses Entwicklerteam so etwas sagen würde wie „Okay, wir haben die grundlegenden Mechaniken soweit programmiert und es ist schon einigermaßen spielbar, jetzt müssen wir nur noch die Spielwelt richtig designen und mit Leben füllen.“ Und so sehr die Spielmechaniken von Pokémon aus Fangen und Kämpfen nach wie vor Spaß machen, so wenig kann eine solche Beobachtung ein Kompliment für ein Spiel sein.

Pokémon in der Realsatire-Edition

Versteht mich bitte nicht falsch: Man kann auch mit Pokémon Purpur seinen Spaß haben; dazu ist das bewährte Prinzip einfach zu… na ja, bewährt. Aber für ein gutes Spiel hätte man es vielleicht einfach zu Ende designen müssen. Solche Beobachtungen setzen sich fort bei der technischen Umsetzung: Für ein Gamecube-Spiel wäre Pokémon Purpur – Achtung, wirklich keine Übertreibung und kein Stilmittel! – grafisch immerhin im unteren Durchschnitt anzusiedeln. Mit anderen Worten kann ich mich (Pokémon Arceus einmal ausgenommen…) nicht erinnern, jemals ein solch hässliches Spiel für die Switch gesehen zu haben – als habe Nintendo eine Satire auf sich selbst angestrebt, lauten Vorwürfe doch immer wieder, man investiere in die technische Umsetzung überhaupt nicht, da man sich ohnehin auf die zahlende Fanbase verlassen könne. Dass das Spiel ruckelfrei läuft, ist darüber hinaus eher Ausnahme als Regel. Wenn ihr auf eurem Reittierpokémon Miraidon unterwegs seid, müsst ihr ebenfalls vorsichtig sein, denn zuvor nicht angezeigte Pokémon können auch ganz kurzfristig plötzlich vor euch aufploppen; sie waren einfach noch nicht rechtzeitig genug geladen. Auch dies mögen Gründe sein, warum die Welt einfach nicht lebendig wirken kann.

Das alles ist einfach so, so schade, denn das Bedürfnis nach einem echten Open World-Pokémon ist in der Spielergemeinschaft doch da – und würde dies in der Umsetzung gelingen, bedeutete dies einen Meilenstein für die Serie. Stattdessen wurde uns dieses völlig lieb- und leblose Spiel hingeklatscht, das im Kern zwar funktioniert, von dem man aber auch sagen muss, dass es die Serie als früher Teil niemals erfolgreich gemacht, sondern eher im Handumdrehen begraben hätte. Auch Neuerungen wie die Tera-Kristallisierung, bei denen Pokémon unter Einsatz einer speziellen Kugel eine abgefahrene Kristallform annehmen und damit bestimmte Attacken stärker werden, bieten zu wenig, um die extremen Makel aufzufangen.

Pro & Kontra

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Pros
  • Pokémon-Prinzip funktioniert nach wie vor
  • Viele zu findende Pokémon

thumbs-up-icon

Cons
  • Leblose, lieblose Spielwelt, deren Erkundung nicht lohnt
  • Karg und langweilig gestaltete Schauplätze
  • Technische Umsetzung eine Zumutung
  • Spielablauf deutlich linearer als es der Eindruck zunächst erweckt
  • Wirkt in keiner Hinsicht wie ein fertiges Spiel

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Spiel Bewertung
Singleplayer
62
62
-
Multiplayer

FAZIT

Ich bin ein wenig hin- und hergerissen: Was das Spielprinzip angeht, macht Pokémon Purpur nach wie vor irgendwie Spaß und wer mit der Serie groß geworden ist, wird auch hier einige Stunden verbringen – und ein Spiel, mit dem man in gewissem Rahmen zumindest Spaß hat, kann meines Erachtens kaum eine katastrophale Wertung erhalten. Dennoch verstehe ich auch diejenigen, die argumentieren, wenn ein Spiel so unfertig ist und vor zwanzig Jahren schon der technische Zahn der Zeit so stark an ihm genagt hätte, wie es hier der Fall ist, wäre eine durchschnittliche Wertung nicht mehr möglich. Insofern treffe ich mich bei der Wertung irgendwo in der Mitte und empfehle allen, die nicht besonderen Wert darauf legen, absolut jeden einzelnen Pokémon-Teil zu spielen, vom Kauf abzusehen und abzuwarten, bis Game Freak sich dazu berufen fühlt, seine Software bis zum Ende zu programmieren und designen, bevor es die Veröffentlichung in Erwägung zieht.

- Von  Roman

Unfertiges Spiel auf desaströsem technischen Niveau, das den Eindruck erweckt, als ginge es schlicht um schnell verdientes Geld.
Nintendo Switch

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