Jett: The Far Shore REVIEW

Es kommt mir so vor, als erlebe die anspruchsvolle Ausrichtung der Science-Fiction aktuell eine Renaissance. Die Neuverfilmung von Frank Herbert´s DUNE durch Denis Villeneuve erweist sich als Kassenschlager, Apple TV+ inszeniert mit der Adaption von Isaac Asimov´s Foundation eine der teuersten Serien aller Zeiten, während die Trisolaris-Trilogie des Chinesen Liu Cixin weltweit die Bestsellerlisten erklommen hat und in Bälde ebenfalls als Serie für den Streamingdienst von Amazon umgesetzt wird. Und auch bei den Videospielen gibt es derzeit ein paar spannende Werke, die Science-Fiction nicht als massentaugliches Spektakel inszenieren (Outer Wilds, in gewisser Weise auch Death Stranding). In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Jett: The Far Shore.

Auf zu neuen Ufern


Das neue Spiel vom unabhängigen Studio Superbrothers (Sword & Sworcery) ist mir erstmals durch ein Segment im Rahmen der Enthüllung der PlayStation 5 im Juni 2020 aufgefallen. Die entsättigten Farben, die kryptische Inszenierung, die eigens für das Spiel erstellte Sprache, die Mischung aus Walking-Simulator und die an Flower erinnernde Flugabschnitte, in denen man durch eine imposante Einöde den titelgebenden Raumgleiter Jett lenkt – all das hat mich direkt angesprochen.

Und so sollte es erst einmal auch beim finalen Spiel bleiben. Schon der Einstieg hat mein Herz für seltsame und verworrene Welten vollends entzückt. Die Zivilisation des Spiels erinnert in ihrer Kleidung an nordamerikanische und asiatische Urvölker, ihre Sprache hingegen klingt in meinen Ohren wie ein Kuddelmuddel aus Russisch, Englisch und Japanisch, die Bauten hingegen an die wahnwitzigen Konstruktionen der Antike. Gleichzeitig gibt es aber auch riesige Containerschiffe und Windräder sowie einen Weltraumbahnhof. Von diesem macht man sich zu Beginn von Jett: The Far Shore auf, um einen neuen Planeten zu kolonisieren. Zwar wird nie direkt thematisiert, warum man den Heimatplaneten verlässt, aber die Bildsprache und auch das, was zwischen den Zeilen gesagt wird, sind doch recht eindeutig (die Menschen haben es vermasselt).

Ein anderer Planet ist bereits seit geraumer Zeit gefunden, doch die Reise dorthin ist weit und vor allem lang. Über 1000 Jahre dauert die Überfahrt, bis man als junge Kosmonautin Mei aus dem Kälteschlaf erwacht und als eine der ersten den neuen Planeten betritt. Das Mei und ihre Kolleginnen und Kollegen überhaupt auf diesem Planeten gelandet sind, ist einer Prophezeiung zu verdanken. Oder doch eher geschuldet? Narrativ wird stark mit religiösen und esoterischen Konzepten gespielt, die durchaus vertraut wirken. Es gibt sehr eindeutige Bezüge zu Noah´s Arche und zum Glauben eines auserkorenen Volkes. Allerdings müssen Mei und Co. Ziemlich schnell erkennen, dass ihr vermeintlich neuer Heimatplanet sich gegen die Neuankömmlinge zu wehren scheint.

Meditatives Erlebnis


Seine stärksten Momente hat Jett: The Far Shore in den stark narrativ geprägten Abschnitten. Die Mischung aus angenehm ruhiger Erzählung, durchaus interessanten Wendungen, der entschleunigten Inszenierung und der Sprachausgabe sowie fantastischen Klangkulisse und Musik von Komponist scntfc (u.a. Oxenfree) erzeugen eine ganz eigenwillige Stimmung, in der ich komplett aufgegangen bin. Das eigentliche Spiel kann da leider selten mithalten.

Das Gameplay ist in zwei grobe Abschnitte unterteilt. In den Story-fokussierten Momenten spielt man Mei aus der First-Person-Perspektive, wobei man hier nicht viel mehr macht als in begrenzten Arealen (meist dem Hauptquartier auf dem vermeintlich neuen Heimatplaneten) von einer Figur zur nächsten zugehen und mit dieser zu sprechen. Der überwiegende Teil findet hingegen an Bord des Jetts statt. Mit diesem fliegt man über die Oberfläche des Planeten und erkundet diesen. Das steuert sich mit dem Dualsense-Controller der PlayStation 5 wunderbar intuitiv und flüssig. Man kann driften und dem Jett mit einem Schub schneller fliegen lassen. Allerdings sollte man es mit dem Turbo nicht übertreiben, da sonst die Systeme überhitzen. Der Schub wird durch den leichten Widerstand in den adaptiven Triggern übrigens stimmungsvoll in das immersive Geflecht eingefügt. Gerade wenn man die enormen Weiten des Planeten erkundet und Musik, Bildsprache und das immersive Feedback über den Controller wiedergegeben wird, hat das Spiel atmosphärisch starke Momente.

Wenn das Gameplay im Wege steht


Diese werden aber immer wieder zunichtegemacht. Denn so gut die Steuerung auch funktioniert, wenn man einfach nur frei über den Planeten fliegt, so umständlich ist sie, wenn man die anderen Funktionen des Jetts benutzen soll. Das Scannen von Lebewesen via Tastendruck funktioniert noch ganz gut. Immer wieder muss man aber mit dem Greifarm des Raumgleiters auch Proben oder Gegenstände aufnehmen. An einigen Stellen soll man beispielsweise ein explodierendes Gestein aufnehmen und zu einen verschlossenen Eingang transportieren, was sich ungenau und zäh steuert. Noch schlimmer ist das Abschütteln von Verfolgern. Mit Manövern wie Fassrollen und schnellen Drifts sollte dies in der Theorie einfach funktionieren, in der Praxis ist das alles aber schlichtweg frustrierend.

Aber auch das, was man im Laufe des Spiels machen soll, ist wenig interessant. Immer wieder wird man etwa in die Freiheit entlassen und kann den Planeten und seine Flora und Fauna erkunden. Wo der minimalistische Look im Vorbeifliegen gut funktioniert, da wirkt er bei näherer Betrachtung karg und leer. Und auch das eigentlich so stimmige Art-Design fällt bei den Lebewesen des Planeten komplett durch. Eigentlich nehme ich mir gerne Zeit und erkunde große Spielwelten bis auf den letzten Quadratmeter. In der Welt von Jett: The Far Shore gibt es aber schlichtweg nichts zu entdecken. Ja, ich kann die Lebewesen scannen und katalogisieren. Aber warum sollte ich das?

Letztlich ist das Ökosystem eigentlich nur eine Gameplay-Mechanik. Ich will dies am Beispiel der zentralen Ghoke-Blumen veranschaulichen. Eine der weiteren Funktionen des Jett ist das „ploppen“. Dabei macht der Gleiter einen kleinen Düsensprung, womit ich unter anderem die genannten Ghoke erblühen lassen kann. Das sieht zum einen hübsch aus, da sich ein farbenfrohes Blumen-Meer über den ansonsten kargen Boden ausweitet. Darüber hinaus gibt es dem Jett einen Schub. Später sammelt man durch geploppte Ghoke außerdem Dunst auf, mit welchen man wiederum den Schub verlängern kann, ohne dass die Systeme des Jetts ausfallen. Und so verhält es sich letztlich mit allen anderen Lebewesen des Planeten. Alle dienen eigentlich nur einer bestimmten Mechanik, sei es das Abschütteln von Gegnern, das Interagieren mit der Spielwelt. Und dadurch bricht wiederum die zuvor so gut aufgebaute Glaubwürdigkeit der Welt ein.

Pro & Kontra

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Pro
  • audiovisuell packendes Erlebnis
  • interessante Story, die verschiedene Themenkomplexe ankratzt (Religion, Umweltzerstörung, Kolonialismus)
  • viel Liebe zum Detail in der Erstellung einer fremden Kultur

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Contra
  • nervige Verfolgungsjagden
  • fummelige Steuerung
  • das Ökosystem ist eigentlich nicht mehr, als eine Gameplay-Mechanik

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Spiel Bewertung
Singleplayer
73
73
-
Multiplayer

FAZIT

Jett: The Far Shore ist ein spannendes Erlebnis, welches mir durchaus „etwas“ gegeben hat. In seinen starken audiovisuellen Momenten hatte ich Gänsehaut und konnte mich nicht sattsehen und satthören an dem, was die Entwickler mir hier präsentieren. Auch die mit viel Liebe zum Detail konstruierte Kultur der Menschen sowie die Handlung und ihr Verlauf haben mir auf einer intellektuellen Ebene sehr gefallen und mich in den Pausen zwischen den Spielesessions Stoff zum nachdenken gegeben. Dem eigentlichen Spiel hingegen fehlt es an einer fokussierten Ausrichtung. Das Erkunden des Planeten hat mir keine Befriedigung gegeben und auch das Erledigen der verschiedenen Aufgaben habe ich eigentlich nur gemacht, damit ich miterleben konnte, in welche Richtung sich die Geschichte und ihre Figuren entwickeln. Die letztendliche Auflösung ist zwar auch nicht der ganz große Wurf, passt aber dennoch gut in dieses stimmungsvolle Abenteuer und bleibt sich seiner Linie treu.

- Von  Adrian

Playstation 4
MS Windows
PlayStation 5

Jett: The Far Shore REVIEW

USK 0 PEGI 3

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