Battle Circuit REVIEW

Gegen Ende 1989 hatte Capcom mit „Final Fight“ einen waschechten Boom im Bereich der Arcade-Brawler losgetreten. Viele Konkurrenzunternehmen und vor allem auch Capcom selbst konnten eine Menge Kapital aus dem Boom herausschlagen und veröffentlichten über die nächsten Jahre hinweg zahlreiche Arcade-Automaten dieser Kategorie. Doch die Spielindustrie entwickelt sich stetig weiter. Neue Platformen, Spielgenres und 3D-Grafikengines machten den 2D-Arcade-Beat’em Ups den Rang streitig. Und so entschloss sich Capcom am 19. März 1997 noch mal einen letzten Titel dieser Kategorie zu veröffentlichen, ehe man sich von dieser einst schwer angesagten Spielnische verabschiedete.

Die Rede ist natürlich von Battle Circuit. Das Spiel hat es weder in die USA geschafft, noch einen Port für Heimsysteme spendiert bekommen. Erst mit dem „Capcom Beat ‚em Up Bundle“ wurde das Spiel der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Doch das bedeutet keineswegs, dass wir es mit einem schlechten Spiel zu tun haben, ganz im Gegenteil. Was Capcoms Schwanengesang im Sektor der Arcade-Brawler zu bieten hat, soll folgender Test aufzeigen.

Eine Diskette, sie zu knechten

Battle Circuit versetzt uns in eine quirlige Sci-fi-Cyberpunk-Zukunftsvision. Auch im fernen Jahre 20XX wird die Erde von zahlreichen Kriminellen und Gangs terrorisiert. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit von Kopfgeldjägern, die sich oftmals zu Cyborgs umwandeln lassen, um als Quasi-Superhelden den Schurken Saures zu geben. Das verdiente Kopfgeld wird in der Regel umgehend in neue Cyberware investiert.

Der Geschäftsmann Harry ist Auftragsvermittler für Kopfgelder und hat fünf der besten Jäger unter Vertrag. Die da wären der US-Amerikaner Brian Bruno, genannt „Cyber Blue,“ der Russe Andrey Mishuchin genannt „Captain Silver,“ das spanische Catgirl Diana Martines genannt „Yellow Iris,“ die intelligente Vogelstrauß-Dame Pink „Pinky“ Ostrich, die ihre kleine Menschenfreundin Pola Abdul als Reiterin im Schlepptau hat, und das merkwürdige Alien-Pflanzenmonster „Alien Green.“

Zu Beginn führen sie den Auftrag aus den irren Superschurken Dr. Saturn in seinem Raumschiff anzugreifen und einzukassieren. Nach dessen erfolgreicher Gefangennahme lässt Harry auch schon gleich den nächsten Auftrag springen. Johnny, der Anführer der berüchtigten Delete Gang befindet sich im Besitz einer Diskette, welche das gefährliche „Shiva System“ beherbergt. Mit dem Shiva System kann man die Kontrolle über jedes Computersystem der Welt übernehmen, was in einer hochtechnologisierten Zukunft quasi der Weltherrschaft gleichkommt. Das darf freilich nicht geschehen, also liegt es nun an unseren Kopfgeldjäger-Quintett die Diskette einzukassieren oder zu zerbröseln. Dummerweise hat Dr. Saturn vom Shiva System mitbekommen und entkommt Harrys Gewahrsam, um mitzumischen. Und auch die Delete Gang ist wesentlich größer und wehrhafter als anfangs gedacht. Welche der drei Parteien wird den Sieg davontragen und die Zukunft der Erde bestimmen?

Wie im Genre üblich, dient die konstruierte Handlung nur dazu die Prügeleien zu rechtfertigen. Obendrein hat der Zahn der Zeit zugeschlagen, denn eine Diskette als Datenträger ist mittlerweile reichlich überholt. Das kunterbunte Sci-fi-Setting gestaltet sich als überraschend abwechslungsreich und die fünf schrägen Kopfgeldjäger sowie ihre Widersacher verhelfen dem Spiel zu einen herrlich schrägen Flair im Stil eines Samstagmorgen-Cartoons. Ich wundere mich nur, warum man Battle Circuit nicht als zweiten Teil von „Captain Commando“ vermarktet hat, da die beiden Spiele doch sehr ähnliche Zutaten bei Handlung, Charakteren und Settings verwenden.

Als wirklich ärgerlich empfand ich jedoch den Mangel an Variation bei den Textboxen. Obwohl man fünf Charaktere hat, gibt es nur zwei Textbox-Variationen in den Cutscene-Dialogen. Eine Version für die männlichen und eine andere für die weiblichen Kopfgeldjäger. Hier hätte man ruhig fünf verschiede Varianten schreiben können, zumal der Schrifttext im Spiel sehr gering ist und ohnehin reichlich oberflächlich ausfällt.

Der Wert des Geldes

Das grundlegende Spielprinzip eines Brawlers ist schnell erklärt. Ihr bewegt euch mit eurer Spielfigur von links nach rechts und erledigt jeden Gegner, der es wagt sich euch in den Weg zu stellen. In der Regel muss jeder Gegner beseitigt werden, ehe man weiter vordringen darf. Jede Stage endet mit einem knackigen Bossgegner und die meisten Stages werfen euch auch Zwischenbosse entgegen. Es gibt auch zwei Bonusrunden. Eine davon ist eine Art Autoscroll-Verfolgungsjagd mit schießen und ausweichen. In der Anderen muss man innerhalb eines Zeitlimits aus einer Zelle ausbrechen. Abgesehen von eben genannter Bonusrunde sowie der Start-Stage gibt es jedoch kein Zeitlimit in Battle Circuit. Allerdings kassiert man ordentlich Bonuspunkte, wenn es gelingt einen Stage-Endboss möglichst schnell zu beseitigen.

Spielt man das Spiel über das Capcom Beat’em Up Bundle kann man den Schwierigkeitsgrad in acht Stufen regulieren. Höhere Grade sorgen dafür, dass man mehr Schaden von feindlichen Treffern einsteckt und die Gegner etwas aggressiver vorgehen und auch mehr einstecken können. Unabhängig davon ist der Schwierigkeitsgrad von Battle Circuit aber ein gutes Stück fairer geraten, als der von vorherigen Capcom-Brawlern. Vor allem reguläre Gegner sollten kein Problem darstellen und die Bosse werden zwar im späteren Spielverlauf sehr nervig, fühlen sich aber auch nicht so unfair an wie jene vergleichbarer Beat’em Ups. Die einzige große Ausnahme ist der finale Endgegner, welcher die gesamte Stage 8 ausmacht. Dieser ist ultra-unfairer Münzenfresser-Bullshit, der somit auch nicht zum Rest des Spiels passt. Dessen war sich aber wohl auch Capcom bewusst, weswegen man Stage 8 hinter einer Skillwall verbirgt. Wer Stage 8 freischalten möchte, muss gut genug spielen, um nach Ende der siebten Stage 3,2 Millionen Punkte angehäuft zu haben. Und selbst dann darf man selber entscheiden, ob man Stage 8 in Angriff nimmt, oder es stattdessen sein lässt und sich mit dem normalen Ende zufrieden gibt. Dies sorgt zumindest dafür, dass der Highscore nicht ganz so sinnlos wirkt, wie in anderen Brawlern.

Allerdings kann man auch für Battle Circuit einstellen, ob man bei einer bestimmten Punktzahl ein Extraleben spendiert bekommt. Hierfür gibt es sieben verschiedene Einstellungsvarianten, zuzüglich der Möglichkeit derartige Extraleben zu deaktivieren. Die freundlichste Variante ist das erste Extraleben für 500.000 Punkte und alle weiteren für jeweils 600.000 Punkte. Darüber hinaus kann man auch die Menge von Start-Extraleben und -Continues regulieren. Hierbei gibt es acht Einstellungsoptionen. Das Maximum sind 5 Start-Extraleben und 6 Continues, was mehr als genug ist das Spiel ohne jeglichen Druck durchzuspielen. Ein Spieldurchlauf ist mit ca. 45-60 Minuten ohnehin recht überschaubar. Natürlich kann man über das Capcom Beat ‚em Up Bundle auch zwischenspeichern oder das Spiel im 4-Spieler Online-Koop zocken (sofern man willige Mitspieler findet).

Wie bereits im Story-Abschnitt erklärt, stellt euch das Spiel fünf Spielfiguren zur Verfügung. Diese bringen nicht nur unterschiedliche Statistika mit sich wie Angriffskraft, Geschwindigkeit etc. sondern auch individuelle Kampfmoves und -fähigkeiten. Jeder Charakter verfügt über seinen eigenen „Battle Down Load.“ Diesen kann man aktivieren, indem man während eines Sprungs gleichzeitig den A und B-Button betätigt. Hierdurch kann man, je nach Charakter, die Kampfkraft (Cyber Blue), Verteidigung (Captain Silver) oder Geschwindigkeit (Yellow Iris) temporär steigern, oder sogar einen Death Blow (Pink Ostrich) oder Selbstregeneration (Alien Green) aktivieren. Der Spieler kann selbstständig entscheiden, ob und wann er den Battle Down Load aktiviert. Man startet das Spiel mit zwei B.D.L.-Ladungen, kann jedoch bis zu Fünf anhäufen, indem man die sogenannten B.D.L. Units einsammelt, die hier und da in zerstörbaren Kisten und Fässern verborgen liegen.

Abgesehen davon gibt es noch weitere Pick-Ups aus Behältern oder von beseitigten Gegnern. Bei den „Money Maker Units“ handelt es sich um Smartbomben, welche jeden regulären Gegner auf dem Screen umgehend in Geld umwandeln und somit beseitigen. Nahrungsmittel kommen in verschiedenen Ausführungen und dienen dazu den eigenen Heilbalken zu regenerieren. Und dann ist da natürlich noch Geld in Form von Münzen oder Geldsäcken bzw. -koffern. Geld steigert in Battle Circuit nicht nur das Punktekonto, sondern wird auch separat gesammelt. Zwischen den Stages bekommt man nämlich Zugriff auf einen Shop, wo man das verdiente Geld in neue Kampfmoves, Verbesserungen, B.D.L Units oder sogar Extraleben investieren kann. Hierdurch wird man stark motiviert jeden Geldgegenstand einzusammeln und die Gegner effektiv zu bekämpfen, damit mehr Münzen aus ihnen herausfallen – ein echter Geniestreich!

Ein Aspekt wo Battle Circuit einige Spieler vor den Kopf stoßen könnte, ist jedoch die Handhabung einiger Kampfmoves. Natürlich gibt es auch hier die Standard-Moves wie Schlagen, Sprungkick, Dashs und Grapples. Aber die interessanten Techniken erfordern typische Fighting-Game-Kombinationen mit D-Pad und Buttons. Diese sind eigentlich der Grund warum ich Fighting-Games ignoriere und stattessen Brawler/Beat ‚em Ups zocke. Ich habe keine Lust derartige Kombinationen auswendig zu lernen und meine Daumen aufzuscheuern. Glücklicherweise sind die D-Pad- und Button-Kombinationen in diesem Spiel nicht übertrieben kompliziert. Obendrein ist das Spiel derart unterhaltsam, dass ich tatsächlich willens war einige Kombinationen zu lernen, damit ich mit Cyber Blue dann auch Stage 8 freischalten konnte, um das gute Ende zu erlangen. Die Tatsache, das mich das Spiel dazu gebracht hat diesen Aufwand zu betreiben, ist der beste Beweis für die hohe Qualität von Battle Circuit.

Grafik und Sound

Grafisch bekommt man auch hier wieder schöne, große und toll animierte Charaktersprites, welche sich in kunterbunten und sehr abwechslungsreichen Ortschaften auf die Mütze geben. Letztere umfassen nicht nur futuristische Gebiete, sondern führen auch mal an den Strand oder in den Dschungel. Vielleicht sind die Settings ein wenig zu abwechslungsreich geraten, da die Ortschaften wirklich am laufenden Band wechseln und die Ortschaftswechsel somit ein wenig beliebig werden. Auch könnte man kritisieren, dass die Sprites der eigenen Spielfiguren und Standard-Gegner einen Tick zu klein geraten sind, aber das alles ist Meckerei auf hohem Niveau. Unterm Strich sieht Battle Circuit richtig toll aus und bietet ein cooles Artdesign in gewohnter Capcom-Qualität. Erwähnenswert sind noch die Effektgewitter der Spezialattacken. Vor allem die Bossgegner rotzen diesbezüglich einiges raus, was natürlich auch schadhaft für den eigenen Heilbalken ist, also lasst euch nicht zu sehr von der 2D-Grafikpracht der Effekte ablenken.

Was den Soundtrack anbelangt, ist Battle Circuit ziemlich eigensinnig. Viele Tracks verbreiten eine überraschend gelassene Lounge-Atmosphäre, was nun nicht unbedingt etwas ist, was man von einem Beat’em Up erwarten würde. Nichtsdestotrotz bringen die Tracks auch einen gewissen treibenden Faktor mit, welcher das actionreiche Geschehen unterstützt. Alles in allem ist der OST zwar gewöhnungsbedürftig, aber durchaus gelungen und vor allem mal was anderes. Ehrensache, dass es auch hier fetzige Soundeffekte und ulkige Sprachsamples gibt, welche den Prügeleien den nötigen akustischen Pepp verpassen.

Pro & Kontra

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Pros
  • tolle, farbenfrohe Grafik mir tollen Animationen, coolen Effekten und abwechslungsreichen Ortschaften
  • motivierendes Geld- und Upgrade-System
  • gewohnt gut spielbarer Brawler-Klassiker von Capcom mit vergleichsweise freundlichem Schwierigkeitsgrad
  • oher Wiederspielwert durch variablen Schwierigkeitsgrad, 5 Spielfiguren und Online-Coop-Multiplayer

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Cons
  • einige Moves basieren auf Fighting-Game-Kombinationen, was für Grobmotoriker anstrengend sein kann
  • spätere Bossgegner sind echt lästig
  • der Endgegner bzw. Stage 8 ist bemerkenswert unfairer Münzenfresser-Bullshit

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Spiel Bewertung
Singleplayer
87
87
Gut
87
Multiplayer

FAZIT

Mit Battle Circuit haben Capcom noch mal einen tollen Arcade-Belt-Brawler abgeliefert, ehe sie sich aus dieser Nische verabschiedeten. Das Spiel bietet ein herrlich schräges Sci-fi-Setting im kunterbunten Samstagmorgen-Stil und dem gewohnt charmanten Capcom-Artdesign. Aber auch das Gameplay kann überzeugen. Die Idee mittels der Moneydrops der Gegner neue Kampftechniken bzw. -upgrades freizukaufen motiviert ungemein und liefert einen Grund den Krempel auch einzusammeln. Der Kampf fühlt sich schön flüssig an und die fünf Spielfiguren bieten individuelle Kampfmoves, die sich auch nützlich anfühlen. Zwar setzen einige Moves etwas Fingerakrobatik im Stil von Fighting-Games voraus, aber der größtenteils freundliche Schwierigkeitsgrad von Battle Circuit motiviert dazu auch mal etwas herumzuprobieren und sich einige der Moves anzutrainieren. Lediglich bei den Bosskämpfen dringt der Nervfaktor hervor. Spätere Bosse werden immer anstrengender, und vor allem der finale Endgegner, den man sich erst einmal freispielen muss, ist so ziemlich der übelste Münzenfresser, dem ich in einem Arcade-Brawler begegnet bin. Aber auch das ändert nichts am hohen Unterhaltungswert von Battle Circuit. Wer das Genre mag, sollte diesem Spiel mehrere Spieldurchläufe gönnen.

- Von  Volker

Mit Battle Circuit haben Capcom noch mal einen tollen Arcade-Belt-Brawler abgeliefert, ehe sie sich aus dieser Nische verabschiedeten.

Battle Circuit REVIEW

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