Everreach: Project Eden REVIEW
BioWares Mass Effect-Serie hat hohe Wellen geschlagen, konnte viele Fans gewinnen und entsprechenden Umsatz generieren. Da verwundert es schon ein wenig, dass sich die Konkurrenz schwer tat Klone zum erfolgreichen Mix aus Third Person Shooter und Action-RPG im Sci-fi-Gewand zu produzieren. Ironischerweise fand ausgerechnet ein kleiner ungarischer Indie-Entwickler namens Elder Games die Motivation nach den Sternen zu greifen und BioWares Konzept zu kopieren. Das Ergebnis nennt sich Everreach: Project Eden, und wurde am 04. Dezember 2019 für PC und Xbox-Systeme veröffentlicht. Am 23. Juli 2020 wurde dann auch noch eine PlayStation 4-Version nachgeschoben. Letztere habe ich mir zugelegt. Ob mit Everreach ein brauchbares Spiel herausgekommen ist oder nicht, erfahrt ihr im folgendem Review.
Meuterei auf dem angehenden Resort-Planeten

Irgendwann in der Zukunft hat die Menschheit die Raumfahrt erschlossen. Dummerweise folgte recht schnell die Ernüchterung, denn bewohnbare Planeten oder außerirdische Lebensformen waren lange Zeit nicht aufzufinden. Doch schlussendlich knackte der Raumfahrtkonzern Everreach Industries im Jahre 2231 den Jackpot und entdeckte in den Tiefen des Alls einen erdähnlichen Planeten mit hübscher Naturlandschaft und jahrtausendealten Ruinen einer untergegangenen Alien-Zivilisation. Der Planet wurde Eden genannt und soll als Luxusresort für reiche Pinkel dienen, damit bei Everreach die Kassen klingeln. Denn die Erde hat aufgrund der übertriebenen Industrialisierung der Menschen nur noch sehr wenige Naturflächen zu bieten, welche obendrein in fester Hand rivalisierender Konzerne liegen.
Jedenfalls schickt Everreach ein 200-köpfiges Team aus Ingenieuren, Bauarbeitern, Wissenschaftlern und Sicherheitskräften nach Eden, um das Resort aufzubauen und die Alien-Ruinen zu erforschen. Dummerweise ist der Kontakt nach Eden vor zwei Wochen abgebrochen. Also entsendet der Konzern ein dreiköpfiges Security-Team nach Eden, um herauszufinden was da los ist. Das Team besteht aus Lieutenant Nora Harwood und ihren beiden Untergebenen Jay und Mike.
Im Anflug auf Eden werden die Raumgleiter der drei Securities von den Abwehrkanonen der örtlichen Außenposten abgeschossen. Mike kommt dabei ums Leben. Nora und Jay überleben, werden jedoch voneinander getrennt. Nora gelingt es sich zum Außenposten „Nova“ durchzuschlagen. Novas Führungsperson Abigail Ross klärt unsere Heldin darüber auf, dass der Außenposten „Eclipse“ vor zwei Wochen abtrünnig geworden ist und seitdem eine blutige Meuterei betreibt. Die Gründe hierfür sind jedoch völlig unklar. Nun liegt es an Nora den Karren aus den Dreck zu ziehen.
Tja, und alles weitere müsst ihr nun selbst herausfinden. Everreach: Project Eden bietet eine nette Sci-fi-Story, welche jedoch im kleinen Rahmen gehalten ist und wie eine Episode aus einer x-beliebigen Sci-fi-Serie anmutet. Die megalomanisch-epischen Ausmaße eines Mass Effects sollte man hier jedenfalls nicht erwarten. Die Wendungen gegen Ende sind jedoch gefällig, und Nora Harwood ist eine sympathische Protagonistin mit bodenständiger Hintergrundgeschichte. Obendrein bekommt sie mit der Roboter-Flugdrohne 73-Q einen unterhaltsamen Sidekick zur Verfügung gestellt, welche für den humoristischen Ausgleich sorgt. Man hat sogar daran gedacht einen Codex, sowie einige Dialogentscheidungen einzubauen. Letztere haben hier und da einen minimalen Einfluss auf die Story. Etwas gravierendes sollte man jedoch nicht erwarten. Wer sich also nicht daran stört, dass das futuristische Abenteuer nach ca. 5 Stunden auch schon wieder vorbei ist, der bekommt eine gefällige Story geboten. Leider ist jedoch das Gameplay alles andere als gefällig.
Kid: „Mom, can I have Mass Effect?“

Everreach: Project Eden hat nicht viele Optionen zu bieten. Es gibt lediglich zwei Schwierigkeitsgrade in Form von Easy und Normal. Die Entwickler geben den Normal-Mode als angedachten Schwierigkeitsgrad an, weswegen ich das Game auch auf diesem durchgespielt habe.
Das Spiel ist völlig linear strukturiert und in neun Kapitel unterteilt. Es ist nicht möglich in abgeschlossene Gebiete zurückzureisen, jedoch bietet das Spiel im Hauptmenü eine Kapitelanwahl, für den Fall, dass man persönliche Highlights noch mal nachspielen möchte. In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, dass Everreach keine manuellen Speicherungen erlaubt. Hier wird ausschließlich mit Autosaves und Checkpoints gearbeitet. Leider liegen einige Checkpoints relativ weit voneinander entfernt, was bei einem Ableben für Frust sorgen kann.
Es gibt keine Charaktergenerierung. Nora Harwood ist eine vorgefertigte Spielfigur und muss ihre Mission als Einzelkämpferin überstehen. Soll heißen, dass es keine Companions gibt (die Robo-Flugdrohne 73-Q dient nur der Story).Nora ist lediglich mit Gewehr (Rifle) und Pistole ausgestattet. Mehr Waffen gibt es nicht. Und da die Pistole eine miese Schussfrequenz hat, wird man den Großteil des Spiels mit dem Gewehr kämpfen. Die Pistole dient eigentlich nur für den Notfall, sofern man die Muni fürs Gewehr verballert hat. Freilich ist auch die Pistolenmunition begrenzt.
Der Kampf macht keinen Spaß. Gegner richten auf normalen Schwierigkeitsgrad massiven Schaden an, weswegen man nur aus der Deckung schießen sollte. Everreach bietet jedoch kein ausgeklügeltes Deckungssystem oder so. Nora kann sich zwar ducken und kurzzeitig sprinten, aber mehr ist in diesem Zusammenhang nicht möglich. Dementsprechend fühlen sich die Schießereien auch sehr tollpatschig und schwammig an. Erschwerend kommt hinzu, dass es kein Trefferfeedback gibt. Weder Nora, noch ihre Widersacher reagieren irgendwie auf den Einschlag der Kugeln, was dem Third Person Shooter-Gunplay ein erschreckend billiges Feeling verleiht. Ehrensache, dass die Gegner-K.I. reichlich verblödet ist und diesen Makel durch unfaire Platzierung und hohe Truppen-Anzahl auszugleichen versucht.
Erledigte Gegner, gelöste (Side)quests, geöffnete Truhen und gelesene Notepads werden mit Erfahrungspunkten (XP) belohnt. Hat man genügend XP gesammelt levelt Nora um eine Stufe auf, und erhält zwei Skillpunkte zur Verteilung auf die drei Attribute Strenght, Agility und Intellect. Strenght steigert die Lebenspunkte, Agility die Kondition für Sprints und Intellect die Schutzschildpunkte. Feindliche Treffer ziehen zuerst die Schutzschild-Punkte ab, ehe es an die Lebensenergie geht. Jedoch kommen beide Punkte-Pools mit einer Selbstregeneration daher. Wenn man angeschlagen ist, muss man sich also nur zurückziehen und abwarten. So etwas wie Medikits gibt es hier nicht.
Mom: „No, we have Mass Effect at home.“

Truhen und Gegner-Loot beinhalten entweder Munition oder die drei Upgrade-Items „Liquid Nitrogen,“ „EM Coil“ oder „Energy Cell.“ Mit diesen Items darf man Noras Kampfanzug pimpen, was sich in Form von Skilltrees äußert. Hierdurch kann man Noras Statistiken wie Angriffskraft, Schildstärke, Regenerationsgeschwindigkeit, Maximal-Munition usw. steigern, sowie vier Spezial-Fähigkeiten freischalten. Mit Letzteren kann man temporäre Buffs aktivieren (Rush und Charge Module), einen Schutzschild-Zaun manifestieren (Forcefield), oder auf Kosten der Schildenergie eine Druckwelle für Flächenschaden absondern (Shield Overload). Freilich unterliegen diese Spezial-Fähigkeiten einem Cooldown, und können daher nicht inflationär eingesetzt werden. Außerdem sind sie hinter einer Attributspunkt-Barriere verschlossen. Um bestimmte Bereiche des Skilltrees erschließen zu dürfen, muss man das jeweilige Attribut auf 8 oder 15 Punkte aufgewertet haben.
Da Everreach ein recht kurzes Spiel ist, wird man nicht genügend Level-Ups und Upgrade-Items erlangen, um alles freischalten zu können. Man muss sich also entscheiden, in welche Richtungen man Nora entwickeln möchte.
Die Levelumgebungen sind, ähnlich wie in Mass Effect, eher geradlinig gehalten. Wer erkundet wird jedoch mit optionalen Truhen belohnt. Einige Truhen sind jedoch verschlossen und müssen via Minigame geknackt werden. Eines der Minigames kommt in Form sperrig zu handhabender Zeichenspiele á la „Das Haus vom Nikolaus.“ Um das Zeichenspiel zu meistern bekommt man lediglich 30 Sekunden Zeit. Scheitert man, bleibt die Truhe verschlossen. Einen weiteren Versuch darf man nicht starten. Das andere Minispiel erlaubt hingegen unendliche Versuche und erfordert einen Block am unteren Spielfeldrand nach links und recht zu bewegen, um herabfallenden Blöcken auszuweichen. Hält man dies 30 Sekunden durch, hat man das Truhenschloss geknackt.
Es gibt noch ein drittes Minispiel, welches anfällt, wenn 73-Q ein Terminal hacken muss. Dieses kommt in Form von recht simplen Slippery Tiles-Rätseleinlagen. Von den drei Minigames ist dies das einzige was etwas Spaß macht.
Die Ambitionen der Entwickler führten sogar dazu dem Vehikel-Aspekt aus Mass Effect nachzueifern. Statt eines Panzer-Fahrzeugs wie Sheppard muss Nora jedoch mit dem eher fragilen Zeus-Hoverbike vorlieb nehmen. Dieses steuert sich unangenehm schwammig und bietet lediglich einen elektromagnetischen Energiestoß als Waffe. Man kann nur ein paar Schüsse abgeben, ehe sich die entsprechende Energieleiste wieder durch Fortbewegung des Hoverbikes aufladen muss. Aber zumindest bietet der Energiestoß Autoaim. Bizarrerweise zwingt einen das Spiel in den Hoverbike-Abschnitten sogar zu einer Stealth-Passage und einen Bosskampf.
Dies ist übrigens der einzige Bosskampf im gesamten Spiel. Der finale Kampf im Spiel ist nur ein reguläres Feuergefecht gegen altbekannte Gegnertypen. Statt eines Endgegners muss man zum Schluss noch einige unspektakuläre Bodenschalter-Rätsel lösen. Wer braucht schon einprägsame Highlights?
Grafik und Sound

Everreach: Project Eden ist so ein Spiel, dessen 3D-Grafik auf Screenshots recht hübsch aussieht. Im eigentlichen Spiel stellt man aber umgehend fest, dass die Grafikqualität noch nicht mal an den allerersten Mass Effect-Teil heranreicht, obwohl dieser über 10 Jahre älter ist als Everreach. Ob das nun an den eingeschränkten Möglichkeiten der Unity-Engine liegt, welche hier Verwendung fand, oder an den begrenzten Fähigkeiten der Entwickler, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls kann der fotorealistische Stil vor allem aufgrund der eingeschränkten Gesichtsanimationen der Charaktere nicht überzeugen. Im generellen wirken die Charaktermodelle zu sehr wie Plastikpuppen mit entsprechendem Kunsthaar.
Die Landschaften wirken da etwas besser, leiden jedoch unter langweiligen Standard-Ortschaften wie hügeligen Wiesen oder Wüste. Und an den futuristischen Container-Basen hat man sich schon in Mass Effect sattgesehen. Grafische Highlights sind so gut wie nicht vorhanden, außerdem gibt es einen lästigen Unschärfe-Effekt, welcher die Sichtweite ruiniert. Komischerweise verschwindet dieser, wenn man in den Zielmodus wechselt. Warum hat man diese hässliche Unschärfe überhaupt eingebaut?
Wirklich ärgerlich ist jedoch die miese Technik des Spiels. Die Ladezeiten scheinen anfangs noch halbwegs in Ordnung, werden mit fortlaufenden Spiel jedoch immer schlimmer. In Anbetracht dessen, dass die mäßige Grafik nicht vom Hocker reißt, sind die langen Ladezeiten jedenfalls nicht akzeptabel. Außerdem wird das Spiel nach längeren Spielsitzungen sehr anfällig für Bugs. Da kann es schon mal passieren, dass man beim laden eines Checkpoints durch den Boden ins Datennirvana fällt oder das Ding mit einem Bluescreen crasht. Zumindest die PS4-Version wurde also sehr dilettantisch zusammengeschustert.
Der Soundtrack von Everreach: Project Eden ist in Ordnung und bietet einige halbwegs nette Tracks fürs futuristische Setting. Man merkt, dass man sich auch an dieser Stelle von Mass Effect inspirieren lässt, ohne jedoch die Klasse der Vorlage zu erreichen. Aber ich will den OST jetzt nicht schlechter darstellen als er ist. Er gehört zu den soliden Bestandteilen des Spiels. Die Sprachausgabe ist ebenfalls solide gelungen, steht jedoch ausschließlich auf englisch zur Verfügung. Völlig unverständlich ist hingegen, dass man sich eine deutsche Textübersetzung gespart hat. Wer der Story folgen will, muss also Englischkenntnisse mitbringen.
Pro & Kontra
- nette Sci-fi-Story mit sympathischer Protagonistin
- gewohnt motivierende RPG-Elemente
- solider OST und Sprachausgabe
- schlechte Technik (zumindest die PS4-Version leidet unter Abstürzen, Glitches und langen Ladezeiten)
- das Gameplay fühlt sich klobig und schwammig an und bietet kaum Highlights
- ist sehr kurz und bietet kaum Wiederspielwert
- keine deutsche Lokalisation
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