Broken Reality REVIEW

Broken Reality ist das am 29. November 2018 veröffentlichte Debutspiel des mexikanischen Indie-Entwicklers Dynamic Media Triad. Ästhetisch und thematisch gibt sich der quirlige Mischmasch aus Exploration-Game, Adventure und Collectathon-Orgie voll und ganz der Vaporwave-Thematik hin. Das ist eine Musik- und Kunstrichtung die um 2010 entstand und durch Einsatz von psychedelischer Musik, Pastellfarben, Retrokultur und Internetmemes versucht die Konsumgesellschaft zu karikieren und kritisieren, aber dieser gleichermaßen auch irgendwie zu huldigen.

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Und nun haben wir zu dieser Thematik eben auch ein gelungenes Computerspiel erhalten. In diesem schlüpfen wir in die Rolle irgendeines Users, der dem Server von NATEM beitritt. NATEM ist ein Megakonzern, der beinahe die gesamte digitale Welt kontrolliert. Neulinge wie unsere Spielfigur müssen erst mal ihren Wert beweisen, ehe sie Zugriff auf höherstufige Server erhalten und von der introvertierten Online-Community wahrgenommen werden. Zu einer der ersten Aufgaben gehört es beim Admin des Startservers „Domo Paradisso“ vorstellig zu werden. Gesagt getan, jedoch verhält sich der Admin geheimnistuerisch und faselt davon, dass die Dinge nicht so sind wie sie scheinen und wir in den Tiefen der NATEM-Server nach der Wahrheit forschen sollen. Und so begeben wir uns auf die virtuelle Reise, um die Geheimnisse und Hintergründe dieser Online-Welt zu entschlüsseln.

Klare, konkrete Antworten sollte man auf dieser Reise jedoch nicht erwarten. Es ist alles relativ abstrakt gehalten und nicht jeder Spieler wird nach dem Ende einen Sinn und Zweck des Ganzen erkennen. Andererseits bekommen aufmerksame Spieler jedoch durchaus ausreichend Info-Brocken hingeworfen, so dass sie sich ein paar Antworten zusammenpfriemeln können. Ob diese spezielle Form des Storytellings nun gut oder schlecht ist, entscheidet letztendlich der persönliche Geschmack.

Sammelorgie im Vaporwave-Wunderland

Die primäre Aufgabe in Broken Reality bestecht darin die Gegend zu erkunden und dabei haufenweise Sammelobjekte einzuheimsen. Letzteres ist ein integraler Bestandteil des Gameplays. Wer mit Collectathons (Sammelorgien) also nichts anfangen kann, bleibt diesem Spiel besser fern. Das primäre Sammelobjekt sind die Likes. Diese werden nummerisch gesammelt und öffnen ab bestimmten Mengen Tore in neue Server-Ortschaften. Man erhält Likes auf viele verschiedene Arten. Einerseits schweben sie als Gegenstände in der Spielwelt herum, man bekommt sie indem man Werbetafeln anklickt oder auch Quests für NPCs erfüllt. Bereits im ersten Spielgebiet schaltet man auch einen kompletten Satz Werkzeuge frei, die einem sowohl bei der Erkundung als auch beim sammeln von Likes helfen.

Die da wären der Liker, welcher quasi zur Interaktion mit NPCs und Werbetafeln dient. Die Kamera, mit derer man Icons abknipsen soll, um sich weitere Likes dazuzuverdienen. Das Katana, mit dem man Virus- und Spamtafeln zerdeppern kann, welche den Weg blockieren (auch das bringt Likes). Die Kreditkarte zum Erwerb von Krimskrams-Gegenständen (Kaufsucht macht beliebt und bringt Likes). Der Hyperlink, welcher die Funktion eines Greifhakens übernimmt. Und dann noch der „Bookmarker,“ mit dem man einen einzelnen Rücksetzpunkt platzieren darf, an dem man sich bei Bedarf zurückteleportieren kann. Einige dieser Werkzeuge bekommen im späteren Verlauf auch noch Upgrades. So wird z.B. die Kamera zum Hacking-Tool aufgerüstet, mit dem man neue Durchgänge erschaffen kann.

Es gibt sogar ein paar nette Rätsel und Minigames, welche auf die Funktionen der Werkzeuge ausgelegt wurden. In erster Linie dient dieses Werkzeug-Konzept jedoch dazu einen Metroidvania-Flair zu erzeugen. Dieser sorgt auch in Broken Reality dafür, dass man im späteren Spielverlauf in alte Gebiete zurückkehren muss. Und abgesehen von den Likes, kommen im späteren Verlauf auch noch andere Sammelobjekte hinzu. Während die allgemeine Bewegungssteuerung und die Handhabung der Werkzeuge soweit gut funktioniert, stellt sich das ständige Umschalten der Werkzeuge als echter Nervfaktor heraus. Foto-Icons poppen eben nur auf, wenn man die Kamera aktiv geschaltet hat. Möchte man eine Werbetafel liken oder mit nem NPC quatschen muss man hingegen auf den Liker umschalten usw. Man ist also das gesamte Spiel damit beschäftigt zwischen den sechs Werkzeugen hin und herzuschalten – und das ist lästiger als man denken mag.

Ebenfalls lästig ist die Beschränkung auf einen einzigen Saveslot und Speicherpunkte in Form von Getränkeautomaten. Ersteres ist eine Unsitte die ausgemerzt gehört und letzteres eine Mechanik aus der Videospiel-Steinzeit. Außerdem wundere ich mich über die Abstinenz von Achievements, die doch gerade bei einem Collectathon-Game sehr gut gepasst hätten?

Etwas schwerer wiegen hingegen einige seltsame Gamedesign-Entscheidungen, die so überhaupt nicht zum Rest des Spielinhalts passen möchten. So gibt es einen Abschnitt mit Mathe-Rechenaufgaben, welche so manchen Spieler derbe vors Schienbein treten können. Und gegen Ende des Spiels gibt es sogar eine Art Geschicklichkeits-Parcour, bei dem man sich dann hoffentlich an die Handhabung der Werkzeuge gewöhnt hat. Aber trotz dieser Macken macht das ca. 10-Stündige Exploration-Collecthathon-Adventure sehr viel Spaß und verdient einen näheren Blick.

Grafik und Sound

Broken Reality nutzt die Unity-Engine und erzeugt eine herrlich surreale Vaporwave-Spielwelt, welche sich hauptsächlich aus klobigen Polygonen zusammensetzt, die an alte PC und PS1-Games der 90er Jahre erinnern. Die Vaporwave-Ästhetik sorgt freilich ebenfalls dafür, dass hier sehr viele Pastell- und Neonfarben Verwendung finden. Dementsprechend dürfte Broken Reality eines der buntesten Spiele sein, die ihr jemals gespielt habt. Ob einem die grafische Darstellung nun gefällt oder nicht, hängt natürlich sehr stark davon ab, ob man etwas mit der Vaporwave-Ästhetik anfangen kann, oder nicht. Für das was sie sein möchte, ist die grafische Darstellung jedenfalls sehr gut gelungen. Sie bietet obendrein ein extrem hohes Maß an Abwechslungsreichtum und Detailverliebtheit und bereitet daher wesentlich mehr Freude, als man anfangs denken mag.

Was den Soundtrack anbelangt, so geht man selbstverständlich mit der Erwartung an Vaporwave-Mucke heran. Diesbezüglich könnte man jedoch enttäuscht werden, denn auch wenn viele Tracks einen gewissen Vaporwave-Flair verströmen und der OST auch gut zum Spiel passt, so gehen viele Stücke doch häufig in Richtung Ambient und Chillwave. Und abgesehen vom Ending-Theme „ℬÆ“ von „death’s dynamic shroud“ gibt es auch keinen Ohrwurm-Track im Spiel. Besagter Ending-Theme ist dafür aber ein absolutes Glanzstück aus dem Vaporwave-Sektor.

Eine Sprachausgabe gibt es übrigens nicht und die Textboxen sind nur in Englisch gehalten.

Pro & Kontra

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Pros
  • herrlich surreale und farbenfrohe Vaporwave-Spielwelt
  • der Erforschungs-Aspekt wurde dank einer gut implementierten Werkzeug-Metroidvania-Mechanik gut umgesetzt
  • es gibt immer was zu tun, dank haufenweise von Sammelgegenständen und dergleichen
  • solider Umfang von ca. 10 Stunden
  • sehr guter Ending-Song

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Cons
  • keine Sprachausgabe und nur englische Texte
  • keine Achievements
  • schwachbrüstige Handlung zum selber zusammenpuzzeln
  • unnötig sperrige Anwahl der Werkzeuge

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