Blue Estate REVIEW

Der schwarzhumorige Rail-Shooter Blue Estate ist der Debuttitel des Indie-Entwicklers HE SAW. Das Spiel wurde erstmals am 18. Februar 2015 für Xbox One veröffentlicht. Ein paar Wochen später wurde auch die PlayStation 4 bedient und seit dem 08. April 2015 dürfen auch PC Steam-Spieler Hand anlegen. Letztere Version liegt auch diesem Review zugrunde.

Rail-Shooter gelten ja eigentlich als ausgestorben, da man hier eigentlich nur ein Fadenkreuz steuert und Gegner abballert. Dementsprechend geht es bei solchen Spielen auch eher um simplen Arcade-Spaß mit Highscore-Faktor. Das ist auch bei Blue Estate nicht anders.

Jedoch versucht man mit diesem Spiel auch eine Story anzubieten, welche mit sehr derben und schwarzem Humor glänzen möchte. Daher hat man sich auch die Comic-Lizenz „Blue Estate“ geschnappt, welche dabei helfen soll der ganzen Sache etwas mehr Pepp zu verleihen. Das Spiel fungiert hierbei jedoch als Prequel, weswegen man die Comics nicht gelesen haben muss, um durchzublicken.
Ob das jedoch ausreicht, um das altmodische Spielprinzip wiederzubeleben, oder nicht, soll folgender Test klären. Wobei ich jedoch klarstellen möchte, dass sich meine bisherige Erfahrung mit Rail-Shootern auf einige Minigames wie die Achterbahn von Final Fantasy VII beschränkt. Blue Estate ist also mein erster richtiger Einblick ins Genre.

Da haben wir den Mafia-Salat!

Der hässliche und ebenso psychopathische wie trottelige Mafioso Tony ist der Sohn von Don Luciano, dem Paten der Cosa Nostra von Los Angeles. Durch seine Inkompetenz hat Tony seinem alten Herrn schon jede Menge graue Haare bereitet. Aktuell wurde Tony als Geschäftsführer des Stripclubs „The Smoking Barrel“ abkommandiert, was kann da schon schiefgehen? Scheinbar jede Menge, denn einer der beiden Anführer der koreanischen Mafia hat ein Auge auf Tonys beste „Tänzerin“ Cherry Popz geworfen. Dieser entführt die scharfe Braut in sein eigenes Etablissement. Tony Luciano kann so etwas freilich nicht tatenlos geschehen lassen (und vor allem nicht mit Diplomatie klären), also lädt er seine vergoldete Desert Eagle durch und stürmt den Stripclub der koreanischen Konkurrenz.

Und an genau dieser Stelle beginnt das Spiel. Wie genau die Geschichte weitergeht, möchte ich jetzt nicht breittreten, nur so viel: Tony baut jede Menge Scheiße, was seinen Vater dazu zwingt einen Kriegsveteranen als professionellen Auftragskiller anzuheuern, um das von Tony verursachte Chaos wieder hinzubiegen. Besagter Auftragskiller ist Clarence, welcher quasi das komplette Gegenteil von Tony darstellt. Das heißt er ist gutaussehend, besonnen und vor allem kompetent. Dummerweise latscht er bei seinem ersten Auftrag in Chihuahua-Pheromone, weswegen er fortan von den kleinen Hündchen sexuell belästigt wird. Schlimmer noch bekommt er mit Lino und Mauro zwei Operator an die Backe geklebt, welche sogar noch dümmer sind als Tony!

Und ja, mit den letzten beiden Sätzen ist auch schon sehr gut beschrieben welche Art von Humor euch in Blue Estate erwartet.^^ Von rassistischen Stereotypen, über Oneliner-Sprüchen bis hin zu Tonys fettigen Haaren, welche die Sicht des Spielers blockieren ist alles dabei! Darüber hinaus wird das Geschehen vom super-nerdigen Privatdetektiv Roy kommentiert, welcher für Cherry Popz arbeitet. Sogar das FBP (eine FBI-Verballhornung) kommentiert das Geschehen mit Texteinblendungen, welche meistens auf Kosten von Roy gehen und auch gerne mal die vierte Wand durchbrechen.

Was jetzt einen völlig chaotischen und politisch unkorrekten Eindruck macht, funktioniert im Spiel jedoch erstaunlich gut und dürfte Fans von derben Humor (denkt an so etwas wie Drawn Together) und Parodien sehr viel Freude bereiten! Ich persönlich hatte jedenfalls, trotz Semi-Cliffhanger, unerwartet viel Spaß mit dem Ding. Schneeflocken machen jedoch besser einen seeehr weiten Bogen um Blue Estate.

Dein bester Freund das Fadenkreuz

Was braucht man schon groß über das Spielprinzip eines Rail-Shooters zu sagen? Hier übernimmt man fast ausschließlich die Kontrolle über das Fadenkreuz der jeweiligen Waffe und muss alle Gegner abballern, ehe sie die Spielfigur abknallen. Die automatisierte Laufroute durch den Level und die Spawns der Gegner sind dabei fest vorgegeben.

Nicht vorgegeben ist hingegen die Art des Eingabegeräts, was auch als Werbeargument genutzt wird. Neben Maus und Tastatur, kann man das Game auch mit Controller und sogar mit einer Lightgun zocken. Ich selbst hab das Spiel nur mit Maus und Tastatur gespielt, und bin damit auch gut gefahren. Einen ärgerlichen Fehler habe ich bei dieser Steuerungsvariante aber doch gefunden. Im vierten Level gibt es Ventilräder und dergleichen, die man mit den Pfeiltasten aufdrehen soll. Generell muss man immer wieder die Pfeiltasten verwenden, um Türen zu öffen, Heil- und Munitions-Pick-Ups einzusammeln, Nahkampf-Gegner wegzuklatschen oder Tonys fettige Haare und lästige Chihuahuas zu entfernen. Und das funktioniert auch problemlos, zumal man die hierfür notwendigen Tasten konfigurieren darf. Die Ventilräder sind jedoch offensichtlich darauf ausgelegt, dass sie mit Analogstick-Bewegungen gehandhabt werden. Dummerweise bieten Tastaturen keinen Analogstick und mit den Pfeiltasten alleine war es ein echter Krampf die Dinger zu bedienen. Hierfür also ein dickes Pfui an die Entwickler. Abgesehen davon arbeitet die Steuerung jedoch einwandfrei.

Blue Estate bietet die zwei Spielmodi Story und Arcade, drei Schwierigkeitsgrade (Normal, Anormal und Bescheuert) und Leaderboards.
Der Story-Modus bietet 7 Level, welche jeweils eine Laufzeit von ca. 20-30 Minuten haben. Man kann das Spiel also in gut 3 Stunden durchzocken. Das erscheint wenig, ist für einen Rail-Shooter jedoch eine ganze Menge, da viele dieser Spiele auf eine Gesamtlänge von 30-45 Minuten ausgelegt wurden. Und außerdem gibt es neben dem Story-Modus ja auch noch den Arcade-Modus, der ebenfalls 7 Level bietet. Diese müssen jedoch erst durch das bewältigen der Story-Level freigeschaltet werden. Die Arcade-Level sind eine Abwandlung der Story-Level, welche jedoch jegliche Storysequenzen rauswerfen und die einzelne Levelbereiche neu gestalten, um eine kurze aber temporeiche Action-Ballerei für Zwischendurch zu bieten. Ein Arcade-Level ist nach ca. 2-3 Minuten vorbei. Beide Spielmodi speichern für jeden Level die fünf besten Highscores des Spielers, und die Bestleistung landet selbstverständlich auch im Leaderboard, welches man aber nur innerhalb des Spiel-Hauptmenüs aufrufen kann und nicht über den Steam-Account.

Die Schwierigkeitsgrade beeinflussen die Höhe des Schadens, den man bei einem feindlichen Treffer kassiert und wohl auch die Geschwindigkeit mit der die Gegner abdrücken. Da einem das Spiel pro Story-Level 10 Hitpoints und 4 Extraleben gewährt, ist der allgemeine Schwierigkeitsgrad eher niedrig angesetzt. Auf dem niedrigsten Grad bekommt man bei einem Treffer nur einen Hitpoint abgeknöpft und auf dem höchsten Drei. Wer auf dem höchsten Grad spielen möchte, muss das Spiel aber ohnehin erst einmal auf einem niedrigeren Durchspielen, da der Höchste erst nach erstmaligem Durchspielen freigeschaltet wird.

Abwechslung erzeugt das Spiel durch sekundäre Waffen. Zwar verfügen Tony und Clarence über Pistolen mit unendlicher Munition, doch bekommen sie ab bestimmten Zeitpunkten im Level auch noch eine Zweitwaffe in die Hand gedrückt. Deren Munition ist zwar begrenzt (also immer schön Muni einsammeln), aber dafür ist das sekundäre Schießeisen in der Regel auch viel effektiver. Da reicht die Bandbreite von der Shotgun, über Maschinengewehre bis hin zur verheerenden Magnum. Die Knarren bieten oftmals höhere Magazin-Kapazität und größere Trefferflächen für Multikills.

Apropos Magazin-Kapazität: Denkt daran rechtzeitig nachzuladen, solange noch zumindest eine Patrone im Magazin ist. Dann geht das Nachladen ruckzuck. Das nachladen eines leeren Magazins dauert hingegen sehr lange, was oftmals die Punkte-Kombo unterbricht, welche man durch schnelle Abschüsse aufrechterhalten kann (nur für Highscore-Jäger wichtig).

Weitere Abwechslung in Blue Estate gibt es durch drei Bossgegner, die in den Levels 2, 5 und 7 auftauchen, sowie einige Level-gebundene Gimmicks. Da gibt es zum Beispiel Nebel, C4-Sprengstoff, Ventilräder oder Wespennester. Im Kern bleibt Blue Estate jedoch eine Fadenkreuz-Ballerei á la Time Crisis.

Grafik und Sound

Blue Estate nutzt die Unreal 3 Engine und setzt deren Möglichkeiten auch recht ordentlich um. Die Ortschaften und Charaktermodelle sind detailliert und letztere bieten gute Animationen und nette Ragdoll-Physiken, welche hier und da jedoch auch für unfreiwillige Komik sorgen können, was in der Hitze des Gefechts jedoch kaum auffällt. Was hingegen definitiv auffällt sind die scharfen Mädels, die euch über den Weg laufen. Bereits im Titelscreen begrüßt euch die scharfe Cherry Popz an der Striptease-Stange.^^ Darüber hinaus gbts in den Zwischensequenzen coole Comic-Strips und einige richtig geile Cover-Artworks für die jeweiligen Level.

Dummerweise leidet die Grafik unter recht langweiligen Ortschaften. Der Asia-Schuppen in dem das Spiel beginnt, gehört da noch zu den hübscheren Gebieten. Im Mittelteil nervt das Spiel jedoch mit einem Kanalisationslevel, Fabrikhallen und einem Golfplatz. Tiefpunkt ist jedoch der Friedhof, welcher derart neblig ist, dass man kaum etwas von der Umgebung erkennt und sich glatt verarscht vorkommt. Aufwärts geht es dann erst wieder mit dem Jamaika-Dschungel im letzten Level.

Weniger zu sagen habe ich hingegen zum OST von Blue Estate. Die Tracks unterstützen das Spielgeschehen und bilden einen guten Mix aus Lässigkeit und fetziger Action-Mucke. Aber es ist nichts dabei, was sich einem im Kopf festsetzt oder was man sich außerhalb des Spiels anhören würde.

Wesentlich markanter ist da schon die sehr gute englische Sprachausgabe, welche den abgedrehten Charakteren viel Profil verleiht und Leben einhaucht. Auch die Soundeffekte sind meines Erachtens gelungen. Die Waffen wirken kraftvoll, sind aber nicht so laut, als das sie auf die Nerven gehen würden. Unterm Strich liefert Blue Estate in audiovisueller Hinsicht eine gute bis sehr gute Leistung und kann sich behaupten.

Pro & Kontra

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Pros
  • Cherry Popz' Poledance im Titelscreen
  • sehr fieser, aber auch sehr unterhaltsamer Humor
  • grundsolide Rail-Shooter-Ballerei für Fadenkreuz-Liebhaber und Highscore-Jäger
  • gelungene audiovisuelle Präsentation

thumbs-up-icon

Cons
  • die Ventilräder in Level 4 sind auf Analogsticks ausgelegt, das ist ein Problem für Spieler, welche die Tastatur verwenden
  • das Spiel endet mit einem Semi-Cliffhanger (Tony verschlägts nach Kuba)
  • bietet zwar eine gute Grafik, aber ich habe schon hübschere Unreal 3-Spiele gesehen
  • ist für Vollprofis wahrscheinlich zu leicht, und den höchsten Grad muss man erst freispielen

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