Persona 3 & Persona 4 Remaster REVIEW

Bevor die Serie mit Persona 5 auch in der westlichen Hemisphäre durch die Decke ging, waren die Rollenspiele von Atlus nur einem Publikum abseits der großen japanischen Marken bekannt. Wie sehr das Franchise gerade in seinen Anfangsjahren in einer Nische abseits des Mainstreams verhaftet war, zeigt das ebenso amüsante wie bizarre Beispiel von Persona 2: Innocent Sin, in dem Adolf Hitler eine für die Handlung relevante Figur ist. Mit den ersten beiden, genauer gesagt drei Spielen (Teil 2 besteht aus zwei Spielen) hat die Serie in ihrer heutigen Form nur noch wenig zu tun. Inhaltlich und spielerisch gibt es zwar einige Parallelen, aber die Schwerpunktsetzung und Ausarbeitung ist eine völlig andere. Vor allem Persona 3 hat das moderne Fundament gelegt, mit Persona 4 wurde darauf bereits ein ansehnliches Gebäude errichtet. Und genau diese beiden Spiele werden nun als Remaster für die aktuellen Plattformen (Nintendo Switch, Xbox, PlayStation und PC) neu aufgelegt. Eine gute Gelegenheit, sich nicht nur die Remaster anzuschauen, sondern die Spiele auch aus einem aktuellen Blickwinkel zu betrachten.

Absage an die klassische Fantasy


Vor allem Persona 3 ist für mich eine Herzensangelegenheit. Ich habe das Spiel, das im Sommer 2007 erstmals in Europa für die PlayStation 2 erschienen ist, kurz nach der Veröffentlichung gespielt und war sofort begeistert. Bis dahin hatte ich japanische Rollenspiele vor allem mit Fantasy-Settings in Verbindung gebracht, doch Persona 3 und andere Teile der Serie ersetzen diese durch eine Verortung im heutigen Japan. Dementsprechend sind die Helden auch keine Ritter, Zauberer, Nekromanten oder ähnliches, sondern normale Schülerinnen und Schüler, die ungefähr in im gleichen Alter sind, wie ich damals. Okay, ganz so normal ist die Truppe dann doch nicht, denn der Hauptcast in Persona 3 sind Teil einer Geheimorganisation namens SEES (Specialized Extracurricular Execution Squad).

Ihr Ziel ist es, eine übernatürliche Bedrohung zu bekämpfen, die sich in Tokyo ausbreitet. Persona 4 ersetzt die japanische Metropole durch eine ländliche Stadt namens Inaba. Der Protagonist zieht dorthin, um bei seinem Onkel und seiner Cousine zu leben. Während seines Aufenthalts geschehen mehrere Morde und er und seine Freunde entdecken eine mysteriöse Parallelwelt, die über Fernseher zugänglich ist. Gemeinsam gehen sie den Verbrechen auf den Grund und stoßen schließlich auf eine tiefere Bedrohung, die ihre Stadt und ihr eigenes Leben bedroht.

Die Bedrohung ist in beiden Fällen übernatürlich. Vereinfacht gesagt: Man kämpft gegen Götter, Fabelwesen und Dämonen. Wie in Shin Megami Tensei, jener Reihe, aus der Persona als Subserie hervorgegangen ist, kämpft man auch hier gegen Wesen aus westlichen und östlichen Mythologien. Die Entwickler mischen scheinbar willkürlich alles zusammen, was ihnen bei der Recherche über den Weg läuft, das Ergebnis ist eine Mischung aus High-School-Drama, okkultem Krimi und Horror. Vor allem Persona 3 hat Szenen und Momente, die im Gesamtkontext manchmal ziemlich verstörend wirken.

Aus der Zeit gefallen



Diese vor allem in Vergleich zu anderen japanischen Rollenspielen fast schon krasse Herangehensweise findet sich in vielen Rollenspielen von Atlus – und nicht immer werden alle angesprochenen Themen gut umgesetzt. Bis heute haftet Atlus der Ruf an, vor allem homosexuelle und queere Themen nicht besonders gut zu behandeln. Und das gilt leider auch für Persona 3 und Persona 4. In beiden Spielen gibt es jeweils Figuren aus dem queeren Spektrum, mit nicht nur für heutige Verhältnisse fragwürdiger Darstellung. Als Gegenargument kann man immer anführen, dass eigentlich alle Figuren in JRPGs auf Stereotypen und Tropen basieren, aber das macht die Realität nicht weniger schlimm. Man kann aber auch andere Themen und Inhalte kritisch betrachten. Ein zentrales Spielelement seit Persona 3 ist der Aufbau von Freundschaften zu anderen Figuren. Mit einem von den Entwicklern ausgewählten Kreis kann man auch romantische Beziehungen eingehen. Wählt man in Persona 3 bei Spielstart die weibliche Hauptfigur, so kann man sogar mit einem minderjährigen Jungen eine romantische Beziehung eingehen.

Ehrlich gesagt kann ich nicht mehr sagen, wie mein jüngeres Ich diese Darstellungen damals wahrgenommen hat, aber mit meinen 34 Jahren bin ich heute doch so einige male irritiert. Gleichzeitig bin ich aber auch kein Freund der großen Moralkeule. Man kann nicht immer alles mit der Vergangenheit und anderen kulturellen Auffassungen entschuldigen, aber man kann es erklären.

Bis heute gut: das Kampfsystem


Ein zentrales Element beider Spiele ist das Kampfsystem. Um gegen die oben beschriebenen Dämonen und andere Wesen zu kämpfen, bedienen sich die Helden sogenannter Personas. Diese im Kampf herbeigerufenen Wesen sind im Grunde auch nichts anderes als Dämonen, nur dass sie auf der Seite des Spielers/der Spielerin stehen. Jede Figur in, vor und nach Persona 3 hat die Fähigkeit, eine oder mehrere Personas zu beschwören. Diese Personas haben unterschiedliche Stärken und Schwächen in Bezug auf Angriffe, Zauber und Verteidigung. Das Kampfsystem hält sich stark an die Standards des Genres: Es gibt Nahkampfangriffe, Elementarangriffe, die Möglichkeit, Gegenstände zu benutzen usw. Gleichzeitig haben die Kämpfe aber eine Dynamik, die nicht viele Spiele aus dieser Ära besitzen.

Gelungene Neuauflagen?


Für die Remaster haben die Entwickler die vermeintlich besten Versionen der beiden Spiele genommen. Ich sage „vermeintlich“, weil zumindest im Fall von Persona 3 die Aussage „beste Version“ unter Fans durchaus umstritten ist. Hier wurde nämlich die Persona 3 Portable genannte Version für die PSP genommen und für moderne Plattformen angepasst. Dies macht für die Entwickler durchaus Sinn, da diese Version im Gegensatz zur Originalversion und der um ein Add-On erweiterten Deluxe-Version für die PS2 von Haus aus ein 16:9-Format besitzt. Auch die Integration eines weiblichen Avatars sowie diverse Gameplay-Änderungen, wie z.B. die volle Kontrolle über Partymitglieder im Kampf, sprechen für die PSP-Version.

An anderer Stelle wurde das Gameplay jedoch vereinfacht. Ein wichtiges Element beider Spiele ist die Lebenssimulation außerhalb der Dungeons. Hier läuft man durch die Stadt, spricht mit NPCs, verabredet sich, besucht Geschäfte etc. In Persona 3 Portable und eben nun auch dem Remaster dieser Version läuft man allerdings nicht mehr aktiv mit der Hauptfigur durch die Szenerien, sondern bewegt einen Cursor durch eine Art Wimmelbild. Das hat eher etwas von einer Low-Budget-Visual-Novel als von einem großen Rollenspiel und wird entsprechend von vielen Fans als Banalisierung aufgefasst. Aber ganz ehrlich? Ich habe diese Vereinfachung eher zu schätzen gelernt. Das Spiel und sein Nachfolger sind nun einmal sehr geschwätzig und dabei gerne auch mal belanglos. Das ich mich nun schneller durch Dialoge und unnötig aufgeblähte Abschnitte klicken kann, ist mir eigentlich sehr willkommen.

Auch die hier vorliegende Version von Persona 4 basiert nicht auf dem ursprünglichen PlayStation 2 Release, sondern auf der einige Jahren später für die PS Vita veröffentlichten Version mit dem Zusatz Golden im Namen. Hier ist die Frage nach der besten Version aber wesentlich einfacher zu klären, denn Golden ist recht unumstritten die beste Variante des vierten Teils. Alle originalen Inhalte sind vorhanden, es gibt einige Verbesserungen und sinnvolle Anpassungen im Gameplay und zusätzliche Inhalte. Die technische Qualität beider Remaster ist zufriedenstellend. Die Auflösung wurde hochgeschraubt und beide Spiele laufen auf allen Plattformen mit sauberen 60 Frames. Die offenbar von einer KI vorgenommene Hochskalierung der Hintergründe kann man hingegen bemängeln. Je größer das der Bildschirm bzw. Fernseher ist, desto mehr fällt das ins Auge. Richtig spannend wird es noch einmal für deutsche Spielerinnen und Spieler, denn die Neuveröffentlichungen beinhalten erstmals deutsche Texte. Und diese sind ziemlich gut und vermitteln sogar noch einmal einen eigenen Charme im Vergleich zu den englischen Texten. Bei der Sprachausgabe kann man wie gehabt zwischen englisch und japanisch wählen.

Pro & Kontra

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Pros
  • nach wie vor tolle und tief gehende Kampfsysteme
  • beide Spiele haben spannende Storys mit einem sympathischen Cast
  • absolut fantastische Musik (so viele Ausrufezeichen kann man gar nicht schreiben)
  • technisch gute Remaster

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Cons
  • Darstellung queerer Personen und einige andere Inhalte mehr als fragwürdig
  • Auflösung der Hintergründe nicht immer sauber

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