Heretic + Hexen REVIEW
Wir schreiben das Jahr 1993. Das bis dato noch recht unbeschriebene id Software hat nach der Veröffentlichung von Wolfenstein 3D mit Doom nachgelegt und sich endgültig einen Namen gemacht – und ganz nebenbei den First-Person-Shooter aus der Taufe gehoben. In den folgenden Jahren soll es zig Spiele geben, die von der damaligen Fachpresse eher zu Unrecht als Doom-Klone abgestempelt werden. Zwar gab es in der Tat eine Schwemme von Shootern, nicht selten basierend auf der hauseigenen id Technologie. Schnell konnten sich viele der Nachkömmlinge aber mit eigenen Ideen und anderen Settings durchsetzen. So auch Heretic (1994) und Hexen (1995) von Raven Software.
Sword & Sorcery
Jetzt waren es nicht mehr Dämonen aus der Hölle, die auf den Mars eingefallen sind, sondern Dark Fantasy Kreaturen in einem ans Mittelalter angelegten Setting. Die Gründer von Raven Software, die Brüder Brian und Steve Raffel, brachten keine großen Programmierkenntnisse mit, als die den Weg in die Spielebranche antraten, waren dafür aber auf künstlerischer Ebene aktiv. Und – wie es damals in der amerikanischen Entwicklerszene und unter den Nerds des Landes üblich war – waren sie große Anhänger von Dungeons & Dragons, ein Umstand, welchen man den ersten beiden Titeln des Studios auch anmerkte. Black Crypt (1992) war ganz offensichtlich sowohl visuell wie auch inhaltlich von Pen & Paper Rollenspielen geprägt. Mit dem Nachfolgespiel ShadowCaster (1993) manifestierte man RPG-Systeme noch weiter und ging die bis heute nie so wirklich abgeebbte Beziehung mit id Software ein. Das auf einer von den Programmierern von Raven Software an die eigenen Bedürfnisse angepasste zweite Spiel schindete bei den Johns (Carmack und Romero) von id Software Eindruck, weshalb Romero schließlich auch als Produzent für Heretic einsprang.
In den USA vertrieben als Shareware, hierzulande recht schnell auf die Liste A geschickt und somit indiziert, machte der Titel seinerzeit durchaus Eindruck. Mit Hexen folgte ein spiritueller Nachfolger, der vor allem nochmal technisch neue Maßstäbe setzen konnte. In Zusammenarbeit mit den Nightdive Studios sind die beiden Klassiker jetzt im Doppelpack für aktuelle Systeme (PlayStation, Xbox, Nintendo Switch und PC) veröffentlicht worden – und meine Freude könnte kaum größer sein.
Rollenspiel trifft auf Shooter
Die Spiele von Raven Software spielen in meiner Vita eine große Rolle, wobei es vor allem die Titel der frühen 3D-Ära waren, die mich zum Fan gemacht haben. Heretic und Hexen habe ich erst später schätzen gelernt, mich ehrlicherweise aber auch nie allzu tiefgehend mit ihnen beschäftigt. Die beiden Remaster waren also ein guter Anlass, dies endlich mal zu ändern.
Gerade Heretic hat es mir ziemlich angetan. Die D&D-Wurzeln der Mitverantwortlichen sind klar in dieser dunklen Version eines Fantasy-Spiels zu erkennen. Die Level sind stilisierte Mittelalter-Konstruktionen (oder das, was Amerikaner als Mittelalter verstehen). Golems, Gargoyles und Magier werden als Gegner in die Arenen geworfen, einen Blitze verschießenden Handschuh und einen ziemlich unbrauchbaren Stock (ein Zauberstab ohne Funktion?) als Waffen in die virtuellen Hände gelegt. Das Spieltempo ist so hoch wie in Doom (ist ja auch die gleiche Engine). Und ebenso wie im Urknall für das Shooter-Genre wirkenden Spiel von id, so sammelt man auch in Heretic Schlüssel und legt Schalter um, um ins nächste Areal zu gelangen. Zusätzlich sammelt man Items ein, die man aus einem auch im Remaster nicht unbedingt zugänglichen Menü heraus einsetzt. Oftmals übersehen wird eine zweite Premiere für das Genre, denn Raven hat quasi den zweiten Feuermodus in Shooter eingeführt. Dieser ist aber lediglich in Form eines Items verfügbar und nur für kurze Zeit, richtet aber ungemein großen Schaden an.
Die gesamte Mischung funktioniert grandios, was nicht nur am damals wie heute noch erstaunlich frischen Setting liegt, sondern auch an dem grandiosen Leveldesign. Man merkt deutlich die Expertise im Aufbau und der Konstruktion von virtuellen Raum. Gerade im Vergleich zu Doom sind die Level ein gutes Stück umfangreicher und auch verschlungener, ohne es aber zu übertreiben (etwas, was man von Hexen nicht mehr sagen können wird…). Begleitet von einer fetzigen Dark-Metal-Musik, die sowohl im Original wie auch im teils neu arrangierten, aber stets die ursprünglichen Kompositionen respektierenden Remaster reinhaut und zum Kopfnicken animiert. Kurzum: dieser krude Shooter aus 1994 hat endlich bei mir gezündet!
Zu viel des guten
Von Hexen kann ich dies nicht ganz behaupten, dabei bringt der geistige Nachfolger eigentlich alles mit, was eine gute Fortsetzung ausmacht. Vor allem grafisch macht das in gerade einmal neun Monaten entwickelte Spiel einen bemerkenswerten Sprung. Der Anfangs-Level begeistert etwa mit zerstörbaren Fenstern und umherwirbelnden Laubblättern. Überhaupt besitzt die vorherrschende Herbst-Umgebung eine tolle Atmosphäre, die so vielmehr kann, als das im direkten Vergleich eher simple Doom und sein Nachfolger. Der Einbau von Rollenspiel-Elementen scheint noch stärker hervor und zeigt sich vor allem in der Auswahl von drei Klassen (Krieger, Kleriker und Magier). Jede der drei Klassen hat unterschiedliche Waffen, davon allerdings nur vier. Das ist im Vergleich zu den sieben Waffen aus Heretic wenig – außer man wechselt munter zwischen den drei Charakteren. Das geht im Remaster jetzt übrigens auch an einem dafür vorgesehenen Buch, der im Hub-Areal steht.
Und da wären wir auch schon bei der großen Krux des Spiels. Es ist nicht mehr in bündige Level aufgeteilt, sondern in große Hubs. Und die sind auch für heutige Verhältnisse noch groß. Zu groß. Und zu verschlungen sowieso. Ich weiß absolut zu schätzen, was man hier machen wollte. Mehr Rätsel, mehr Schlüssel, mehr Backtracking, somit aber auch mehr Frust. Klar, man bewegt sich wie gehabt schnell durch die Areale und wie erwähnt, visuell sind diese richtig toll. Aber es hat mich schon einiges abgefordert stets in bereits besuchte Abschnitte zurückzukehren, nur um einen jetzt zugänglichen Schalter umzulegen, um in einen anderen Bereich zurück zu latschen, wo ich jetzt einen Schlüssel finde, nur um dann wieder…
Später sollte Raven Software die Formel für Heretic II und Hexen II verbessern und in späteren Spielen mit anderen Namen hat man sowieso noch besser den Dreh rausgehabt. Bei den beiden Erstlingen der überschaubaren Reihe hat man noch mit den ein oder anderen Stellschrauben zu kämpfen. Aber die Spiele haben auch heute noch einen ganz besonderen Charme, der sicherlich auch daher rührt, das es schlichtweg so gut wie keine nennenswerten anderen First-Person-Shooter im Fantasy-Setting gibt.
Video zum Spiel
Pro & Kontra
- auch heute noch zwei spielenswerte Shooter (insbesondere Heretic)
- tolles Leveldesign, flottes Gameplay (insbesondere Heretic)
- tolle Neuauflage mit diversen Anpassungen und Quality-of-Life-Features für moderne Plattformen
- wenig Abwechslung bei den Gegnern
- mitunter zu große und verschachtelte Areale (Hexen)
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